Autorenarchiv

Rabauke e.V. und das Sozialkaufhaus

Erzählcafé mit Sascha Mitschke am 14. 5. 2013

Sascha Mitschke hat trotz seiner vielen ehrenamtlichen Verpflichtungen Zeit für uns und berichtet über sein Engagement im Kiez. Er ist in Reinickendorf-Ost geboren und aufgewachsen und durch seine Aktivitäten eng mit dem Kiez und seinen Bewohnern verbunden. Diese begannen mit seiner Vaterschaft. Als seine Tochter im Kindergarten war, engagierte er sich als Elternvertreter im Vorstand des Bezirkseltern- und im Landeselternausschuss. Als sie dann in die Schule kam, merkten er und einige andere Eltern, dass für die Kinder mehr getan werden muss. Sie gründeten 2007 den Verein Rabauke e.V., um Familien Unterstützung im familiären Zusammenleben gewährleisten zu können. Ein Hauptprojekt ist die alljährliche, vier Tage dauernde Kinderfreizeit. Aus einer Kinderolympiade entwickelte sich das Mittelalterspektakel, das in Kooperation mit dem „Haus am See“ seit mehreren Jahren stattfindet und an dem bis zu 30 Kinder im Grundschulalter und 10 Betreuer teilnehmen. Dort lernen die Kinder alles über Ritter und das mittelalterliche Leben. Betreuer und Kinder laufen als Ritter und Burgfräulein verkleidet herum; die Kinder lernen Kerzenziehen, Bogenschießen und wie andere historische Waffen eingesetzt werden. Ein Schmied führt sein Handwerk vor. Natürlich darf auch eine Nachtwanderung nicht fehlen. Alle schlafen in Zelten, versorgen sich gemeinsam und lernen Dinge, die sie aus ihrem normalen Alltag nicht kennen. In jedem Jahr gibt es einen anderen Schwerpunkt. Die Betreuer sind Eltern, die sich ebenfalls ehrenamtlich engagieren. Der schönste Lohn sind die strahlenden Gesichter der Kinder und die Begeisterung, die sie an diesen vier Tagen zeigen. Damit alles funktioniert, müssen sowohl die Kinder als auch die Betreuer klare Regeln beachten. Und ein kleiner Obolus ist auch zu entrichten: 10 €uro pro Kind für die vier Tage.

Natürlich kostet so eine Kinderfreizeit viel mehr. Deshalb bereibt der Rabauke-Verein in der Hausotterstraße 3 ein Sozialkaufhaus. Dort kann jeder einkaufen ohne seine Bedürftigkeit nachweisen zu müssen. Die Waren sind Spenden. Der Gewinn steht den  Projekten des Vereins zur Verfügung.

Ausflug nach Wensickendorf

Endlich ein paar Tage richtiges Sommerwetter, und wir machen eine Fahrt ins Grüne. Familie B. hat uns (am Dienstag, dem 9. Juli 2013) in ihr Sommerhäuschen eingeladen. Vom Bahnhof Karow nehmen wir die Heidekrautbahn. Die zwanzigminütige Fahrt durch Wald und Felder reicht, um die hektische Großstadt für ein paar Stunden zu vergessen. Am Bahnhof Wensickendorf werden wir abgeholt. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir den wunderbaren Garten der Familie B. Im Schatten nehmen wir Platz am runden Tisch und naschen Johannis- und Erdbeeren aus dem Garten. Zur Überraschung aller setzt sich auch die Pfarrerin zu uns. Sie ist eingeladen, um uns die alte Dorfkirche zu zeigen, die aus dem Spätmittelalter stammt.  Am Tisch berichtet sie zunächst über ihren Aufgabenbereich. Sie ist für mehrere Gemeinden zuständig; ihr Amtssitz liegt in Liebenwalde. Wensickendorf und die Nachbargemeinde Zehlendorf gehören auch dazu. Bei den Gottesdiensten wechseln sich die Gemeinden ab. Die Pfarrerin stammt ursprünglich aus Leipzig und hat später in Berlin-Reinickendorf gelebt. So kennt sie die Kultur der ehemaligen DDR genauso gut wie die der West-Berliner oder West-Deutschen. Das ist ein Vorteil, der ihr bei ihrer heutigen Arbeit zugute kommt.

Auf dem Weg zur Kirche stellen wir fest, dass es im Dorf nur noch einen Bäcker und sonst keine Einkaufsmöglichkeiten gibt. Wöchentlich kommt ein Wagen mit Fleisch- und Wurstwaren. Aber das Dorf hat einen Kindergarten und einen Jugendraum. Es ist ein typisches Angerdorf mit einem breiten Wiesenstreifen, auf dem hohe Bäume stehen. Seitlich verläuft die relativ stark befahrene Durchgangsstraße.

Die Kirche in Wensickendorf ist bei Hochzeiten eine beliebte Kulisse. Und in dem historischen Gasthof kann man nach der Zeremonie stilvoll feiern. Hier lassen sich sogar viele Berliner Paare trauen. Das Gotteshaus ist aus Feldsteinen gebaut und steht mitten auf dem Dorfanger. Durch seinen rechteckigen Grundriss, der auch den Turm umfasst, wirkt es wie eine trutzige Burg. Über dem kurzen, quadratischen Turm erhebt sich ein hohes, spitzes Ziegeldach. Innen befinden sich ein hölzerner Kanzelaltar aus dem 17. Jahrhundert, der mit einer Sakristei aus dem 18. Jahrhundert verbunden ist, mehrere steinerne Figuren, das hölzerne Gestühl und die vor wenigen Jahren restaurierte Orgel auf der Empore. Die Pfarrerin weist auf ein historisches Harmonium hin, auf dem sie uns ein paar Takte vorspielt.

Anschließend wandern wir durch das Dorf zurück in den Garten. Dort warten Kaffee und Kuchen auf uns. Mit einem Gläschen Sekt beschließen wir diesen schönen Tag und machen uns auf den Rückweg nach Berlin-Reinickendorf.

Heiligensee

Erkundigungsfahrt in den Norden Reinickendorfs

Samstag, 29. Juni 2013. Unser Ziel ist Alt-Heiligensee. Wir treffen uns an der Kirche auf dem Dorfanger. Unser Rundgang beginnt am Gedenkstein, der 2008 anlässlich der 700-Jahrfeier Heiligensees aufgestellt wurde. Wir bewundern den alten und herrlichen Baumbestand, der die historische Allee nachzeichnet. Kaum vorstellbar, dass hier von 1913 bis 1958 eine Straßenbahn entlang fuhr. Aber das ehemalige Straßenbahndepot kann man noch besuchen; als Kulturzentrum mit Restaurant und einer Blumenhandlung ist es ein lebendiges Zeugnis der Vergangenheit. Gegenüber der Dorfgaststätte entdecken wir einen seltenen, hochgewachsenen Maulbeerbaum, dessen Früchte wir unbedingt kosten müssen.

Heimatforscher Klaus Schlickeiser hat einen dicken Band über die Entwicklung Heilgensees veröffentlicht und weiß zu jedem Haus eine Geschichte. Wir hören etwas über die großen Bauerngehöfte, die Häuser der Kossäten, über Büdner- und Landarbeiterhäuser, erfahren aber auch etwas über prächtige Villen aus der Gründerzeit und Anfang des 20. Jahrhunderts. Schlickeiser weist uns auf ein giebelständiges Kossätenhaus noch aus der Barockzeit hin. Später wurden die meisten Wohnhäuser traufständig errichtet. Die Grundstücke verliefen lang und schmal zu beiden Seiten des Angers und erstreckten sich bis zum Wasser, nach Westen zur Havel beziehungsweise Nieder Neustädter See, nach Osten zum Heiligen See. Im Lauf der Jahrhunderte wurden sie auch in der zweiten Reihe mit Schuppen, Werkstätten und Scheunen bebaut; die Gehöfte bildeten Vierkanthöfe.

Heute wird Landwirtschaft bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr betrieben, so dass die Gebäude und Scheunen der zweiten Reihe in moderne Wohnhäuser umgewandelt wurden. Eine Ortssatzung bestimmt, dass die historischen Bauformen erhalten bleiben müssen, um den dörflichen Charakter zu wahren. Sogar das Kopfsteinpflaster der Dorfstraße ist wieder hergestellt worden. So muss man in dieser Idylle leider den Lärm ertragen, den die Autos auf dieser recht befahrenen Durchgangsstraße verursachen.

Zum Ausklang versammelten wir uns in der traditionellen Ausflugsgaststätte Dannenberg, die über eine wunderbare Terrasse mit Blick über die Havel und eine eigene Dampferanlegestelle verfügt. Wegen des regnerischen Wetters war der Tisch für uns im ehemaligen Pferdestall gedeckt.

Besuch des Jugendstadtteilladens

Der Eckladen Provinzstraße/ Schwabstraße steht seit Dezember 2012 Jugendlichen zur Verfügung. Die drei Sozialarbeiter Ines, Seytali und Silke vom Träger Gemeinnützige Gesellschaft für sozial-kulturelle Arbeit mbH – Projekt „Outreach“ sind Ansprechpartner und machen Angebote, um Kontakte zu knüpfen und bei Problemen in Schule, Familie oder Beruf zu helfen. Am Dienstagnachmittag, dem 6. Juni 2013, empfangen sie uns in ihrem Laden und stellen sich und ihre Arbeit vor, die sie als mobile Jugendarbeit bezeichnen. Das bedeutet, dass sie neben Projekten im Laden oder einer Gruppenarbeit im „Haus am See“ die Jugendlichen dort aufsuchen, wo sie sich meistens aufhalten – wie auf dem Spielplatz an der Hausotterstraße oder an bestimmten Ecken im Kiez. Für diese Arbeit stehen generell 1,5 Stellen, zurzeit aber haben sie eine Stelle mehr durch eine Sonderfinanzierung des Bezirkes zur Verfügung, die sich die Sozialarbeiter teilen. Das Projekt der Jugendstadtteilladen läuft vorerst für 18 Monate, und das Quartiersmanagement Letteplatz hat für diesen Zeitraum die Finanzierung übernommen.

Ziel dieser Jugendarbeit ist es, die Kinder und Jugendlichen in dem, was sie können zu bestärken und diese Qualitäten weiter zu entwickeln. Die Sozialarbeiter treffen in Reinickendorf-Ost meistens auf junge Migranten. Viele leben beengt in überbelegten Wohnungen, haben keine Ausbildung oder Arbeit. Manchmal haben sie schon Straftaten begangen. Ihr Lebensort ist die Straße. Dort versuchen die Sozialarbeiter mit ihnen in Kontakt zu kommen. Wenn die Jugendlichen Hilfe wollen, können sie begleitet werden. So ist es neulich gemeinsam mit einem jungen Mann gelungen, für ihn eine Wohnung zu finden. Oder Jugendliche können motiviert werden, sich an Planungsprozessen zu bete

iligen, wie es kürzlich für den Letteplatz geschah. Um solche Erfolge zu erzielen, bauen die Sozialarbeiter ein soziales Netzwerk auf; sie arbeiten mit den Schulen und der Familieneinrichtung „Haus am See“ zusammen. Die Jugendlichen sollen wieder in die Gesellschaft integriert werden und von ihr partizipieren können.

Spätestens hier gibt es genug Stoff für die Diskussion. Einige von uns können es nicht fassen, dass die Eltern oder Schulen es nicht schaffen, die Kinder und Jugendliche so zu erziehen, dass sie ihren eigenen Weg finden können und nicht straffällig werden. Die Sozialarbeiter weisen darauf hin, dass die vielfältigen Ursachen wie Armut, mangelnde Bildung, unzureichender Wohnraum divergierende Familientraditionen dahin führen, viele Jugendliche auszugrenzen.

Sven Bülow, Gagfah

Treffen der Kiezhistoriker am 23. April 2013 im Quartiersbüro

Eingeladen war Sven Bülow von der Gagfah, der über die Entstehungsbedingungen des Wohnungsbaus im Bereich der Aegirstraße und der Mickestraße berichtete. 1928 entstand hier ein Reformwohnungsbau mit zahlreichen gesunden und preiswerten Wohnungen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine bittere Wohnungsnot, und der private Wohnungsbau lag brach. In der Weimarer Republik sah man es als vorrangige staatliche Aufgabe an, Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung und Menschen mit kleinen Einkommen zu bauen. Jede Familie sollte eine eigene Wohnung mit der notwendigen Ausstattung bekommen, mit einer einfachen Küche, einem Bad, Ofen- und manchmal auch schon einer Zentralheizung. Licht, Luft und Sonne sollten in jede Wohnung eindringen können; ausschließlich nach Norden ausgerichtete Wohnungen waren nicht gestattet. In den Kellern, manchmal auch auf dem Dachboden befanden sich die Waschküche und eine Vorrichtung zum Trocknen der Wäsche, die allen Mietern zur Verfügung standen. Die Wohnanlagen sind  Zeilenbauten, die einen Block bilden, der in der Mitte einen wunderbaren großen, mit Bäumen und Rasen bepflanzten Innenhof umschließt.

Früher war auch die notwendige Infrastruktur vorhanden. Es gab zahlreiche kleine Geschäfte für die tägliche Versorgung. Leider hat sich hier ziemlich viel verändert, die Läden verschwanden, so dass das Wohnen an Attraktivität verlor. Reinickendorf-Ost war lange Zeit kein begehrter Wohnort. Das ändert sich jetzt. Da die Wohnungen in zentraleren Gebieten für viele Mieter nicht mehr bezahlbar sind, suchen sie jetzt auch in Reinickendorf-Ost nach einer geeigneten Bleibe. Die Gagfah bemüht sich, den Wohnungen einen zeitgemäßen Standard zu geben und modernisiert einzelne Häuser. Dabei hat sie ihr Klientel im Auge, orientiert sich am Berliner Mietspiegel und vermeidet bewusst Luxusmodernisierungen. Die Mieterstruktur ist jetzt stabiler, und in der Umgebung haben sich wieder neue Geschäfte angesiedelt. Mit dem Umbau des ehemaligen Straßenbahndepots in ein Einkaufszentrum und dem neuen Letteplatz, auf dem sich jetzt Alt und Jung tummeln, ist ein Anfang für eine neue Entwicklung gemacht worden. Das Familienzentrum wird ein weiterer interessanter Anlaufpunkt sein.

Sven Bülow ist stolz darauf, dass in den Häusern noch einige Einrichtungen aus der Entstehungszeit erhalten blieben. Und so führte er uns in einen Keller, wo noch die Waschküche und eine raffinierte Trockenvorrichtung zu sehen sind. Letztere wirkt wie ein Wandschrank, zieht man ein Element heraus, hat man ein waagerechtes Gestänge, auf das die Wäsche gehängt wurde. Dann schob man alles wieder in den Schrank, der von unten geheizt wurde und konnte in kürzester Zeit die Wäsche wieder abnehmen.
Vielleicht gab es hier auch mal Gelegenheit, mit der Nachbarin ein Schwätzchen zu halten…

Dann konnten wir noch einen der Luftschutzkeller besichtigen, die in den 1930er Jahren in die meisten Häuser eingebaut werden mussten. Wir sahen eine Stahltür, eine mit gemauerten Bögen verstärkte Kellerdecke und eine Tür, die zu dem Fluchtweg ins Nachbarhaus führte. Uns überkam ein Grausen bei der Vorstellung, wie die Menschen hier bei den Bombenangriffen ausgeharrt haben.

Programm 2013

Der Lettekiez gestern und heute
Programm 2013

Seit 2011 erkunden Senioren, aber auch jüngere Nachbarn den Lettekiez. Sie besuchen Betriebe, Kirche und Kindergärten, machen Stadtspaziergänge, laden Gäste zum Erzählen ein oder berichten selbst über ihre Erfahrungen aus ihrem Leben und im Kiez – selbstverständlich im gemütlichen Rahmen bei Kaffee und Keksen. In diesem Jahr wird es weitergehen. Die Mitglieder des Projekts würden sich sehr über Zuwachs freuen. Das Programm gibt den Rahmen an, die Inhalte werden von den Mitmachenden genauer bestimmt. Die Gruppe trifft sich in der Regel jeden 2. Dienstag/ Monat von 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51.

Folgende Termine wurden festgelegt (Änderungen vorbehalten):

Dienstag, 05. März              Vorbereitungstreffen

Samstag, 23. März                      14 Uhr Stadtpaziergang (Mittelbruchzeile u.Gewerbe)

Dienstag, 23. April               15 Uhr, Erzählcafe und Rundgang 20er-Jahre-Wohnungen mit Sven Bülow, Gagfah; Treff: Quartiersbüro

Dienstag, 14. Mai                Erzählcafé (Herr Mitschke, Sozialkaufhaus, Rabauke e.V.)

Samstag, 1. Juni               Tag des Hoffestes

Freitag, 7. Juni                   Lettefest/ Kiezrätsel 14-19 Uhr

Dienstag, 11. Juni                Kiezhistoriker (Jugendstadtteilladen, Provinzstr. 103)

Samstag, 29. Juni                       14 Uhr Stadtspaziergang (Alt-Heiligensee)

Dienstag, 9. Juli                    Kiezhistoriker (Besuch Wensickendorf)

Dienstag, 6. August             Erzählcafé mit Tanja Bethke, Buchhandlung Schäfersee

Samstag, 24. August      14 Uhr Stadtspaziergang (Wasserstadt)

Dienstag, 10. September  Erzählcafé

Dienstag, 8. Oktober           Kiezhistoriker

Dienstag, 12. November   Erzählcafé

Dienstag, 03. Dezember    15 Uhr, Abschlussfeier im Quartiersbüro

NEUE TERMINE

Der Lettekiez gestern und heute

…die neuen Termine im Restjahr 2012!!!

…alle Nachbarn aus dem Lettekiez sind herzlich eingeladen !!!

Samstag, 1. September: 14 Uhr Stadtspaziergang (Karl-Bonhoeffer-Heilstätten)
Treff: 13.30 QM-Büro Mickestraße/ 14.00 Uhr Haupteingang nahe U-Bahnstation K-B-Heilstätten

Dienstag, 11. September: Erzählcafé (Frau Hoempler, Leiterin Vitanas Senioren Centrum)
Treff: 16 Uhr Kinderzentrum Pankower Allee 51

Dienstag, 9. Oktober: Kiezhistoriker (Besuch Landesarchiv)
Treff: 16 Uhr Haupteingang Eichborndamm 115

Dienstag, 13. November: Erzählcafé (Frau Arndt u.a., Stadtbibliothek Reinickendorf-Ost)
Treff: 16 Uhr Zeitungslesesaal, Stargardtstraße 11-13

2. Spaziergang durch Alt-Reinickendorf

Am Dienstag, dem 7. August 2012, setzen wir unseren Streifzug durch Alt-Reinickendorf fort. Wir haben uns das Gebiet nördlich der Dorfaue vorgenommen und treffen uns, wie beim letzten Mal, an der Kirche. Wir passieren das herrschaftlich anmutende Pfarrhaus (Alt-Reinickendorf 21-22) aus dem Jahr 1912 und das in demselben Jahr errichtete Schalthaus der Bewag, das heute nach dem Umbau in jüngerer Zeit ein sicher außergewöhnliches Wohnhaus ist. Zur Entstehungszeit hatte man darauf geachtet, diesen Bau so zu gestalten, dass er mit der geplanten Siedlung Luisenhof korrespondiert. Erst beim genauen Hinschauen fällt ins Auge, dass es sich um einen Industriebau handelt. Die 1919-1920 erbaute Siedlung Luisenhof erstreckt sich bis zum Damm der Bahnlinie. Mit ihren kleinen, einfach ausgestatteten Wohnungen trug sie dazu bei, die Wohnungsnot nach dem 1. Weltkrieg zu lindern. Nach dem sozialreformerischen Konzept gehört zu jedem Haus ein Garten, um sich selbst mit Gemüse und Obst versorgen zu können. Heute blühen und gedeihen hier meistens Blumen und Zierpflanzen. Bedauerlicherweise ist die Einheitlichkeit der Siedlung kaum mehr zu erkennen. Jeder Eigentümer hat bei der Renovierung der Dächer und Fassaden, Eingänge und Zäune seinen eigenen Geschmack walten lassen. Die Aufhebung des Bürgersteiges zugunsten einer durchgehenden Straßenfläche hat unserer Meinung nach den Charakter der Siedlung weiter zerstört. Vier Stolpersteine zeigen, dass auch hier jüdische Familien gewohnt haben, die von den Nazis vertrieben und ermordet wurden.

Am Freiheitsweg fallen zwei hohe alte Eichen auf. Sie markieren die Grundstückgrenze zwischen den vom Anger ausgehenden, langgestreckten Kossätengrundstücken und der Feldflur. Wir laufen den Freiheitsweg in Richtung Osten, überqueren den Stegeweg, der einst das Dorf mit Rosenthal verbunden hat, und werfen einen Blick auf den Sportplatz der „Reinickendorfer Füchse“, der mit seinen Anlagen bereits in den 1920er Jahren entstanden ist. Zurzeit planen die „Füchse“ ein neues Vereinsheim. Gegenüber liegt ein interessanter moderner Backsteinbau. Er wurde in den 1970er Jahren von Hans Christian Müller als Kindergarten errichtet. Eigentümerin ist die evangelische Kirche, die den Bau veräußern möchte. Eigentlich schade.

Die Siedlung am Klemke-Park wurde in den 1920er-Jahren von der Heimstättengesellschaft „Primus“ nach Plänen des Architekten Fritz Beyer errichtet. Sie wurde 1944 teilweise zerstört, aber 1952 wieder aufgebaut. An der Kopenhagener Straße 19-33 passieren wir ein in den 1990er Jahren gebautes Männerwohnheim. Früher, seit 1902, hatte die Feuerwache dieses Grundstück genutzt.

Die Kopenhagener Straße wird von zwei Bahndämmen überquert. Auf dem südlichen fährt die S-Bahn nach Heiligensee. Ursprünglich diente die Trasse der Kremmener Bahn (seit 1893), die die sich seit Ende des 19. Jahrhundert ansiedelnden Industriegebiete erschloss. Nördlich ist es der Bahndamm der Nordbahn (seit 1877), auf dem heute die S-Bahn nach Frohnau fährt. Wir besichtigen einige der an der Kopenhagener- und an der Flottenstraße liegenden Industriebetriebe. Die ehemalige Eisengießerei Schöning erstreckt sich zwischen dem Damm der Nordbahn und der Industriebahn. Einige historische Gebäude sind noch erhalten und stehen unter Denkmalschutz wie das Direktionsgebäude an der Kopenhagener Straße, die wie eine bürgerliche Villa wirkt. Die Fabrikgebäude und Hallen mit den Sheddächern bestehen aus rotem Backstein und machen noch immer einen soliden Eindruck. Zwei unserer Gruppenmitglieder haben dort einmal gearbeitet. Sie zeigen aufgeregt auf die Fenster ihrer Arbeitsräume. Heute wird die Fabrikanlage von verschiedenen Firmen genutzt. Herr Schlickeiser berichtet, dass sich bei Schöning rund 20.000 alte Gussformen angesammelt haben; manche von ihnen werden sicher noch gebraucht, wenn zum Beispiel ein Denkmal repariert werden muss. Wo sie wohl aufbewahrt werden, wusste er nicht zu sagen. Man könnte ein Museum damit füllen.

Entlang der Nordbahn verlief die Grenze zur DDR und ab 1961 die Mauer. Bis zum Mauerbau gab es auf der Kopenhagener Straße eine Straßenbahnverbindung nach Pankow. Die Straßenbahnen fuhren jeweils bis zur (noch offenen) Grenze, dort überquerte man sie zu Fuß und stieg auf der anderen Seite in die wartende Bahn ein. Der Fahrschein blieb gültig. Da die Fahrkarte im Osten billiger war als im Westen, nahmen viele Berliner schon im Osten die Straßenbahn und mussten dann umsteigen.

Auf dem ausgedehnten Gelände Flottenstraße 28-42 erstrecken sich die Industriebauten der ehemaligen Argus-Motoren-Gesellschaft mbH. Es sind aneinandergereihte, zu unterschiedlichen Zeiten erbaute Betriebsgebäude mit Pförtnerhaus sowie der Bunker an der Ecke Kopenhagener Straße; nördlich schließt sich der Hallenkomplex und die frühere Werkskantine an. Schon 1902 ließ sich hier die Maschinenfabrik Leopold Ziegler nieder, die sich auf den Bau von Flugzeugmotoren spezialisierte. 1908 übernahm die Argus-Motoren-Gesellschaft mbH die Werkstätten und baute sie angesichts des 1. und 2. Weltkriegs zu einem wichtigen Rüstungsbetrieb aus. 1918 hatte das Werk etwa 800 Mitarbeiter, bis 1944 arbeiteten dort über 8.000 Beschäftigte. Herr Schlickeiser erinnert an große Streiks der Munitionsarbeiter in der Weimarer Republik. In der Zeit der Nationalsozialisten hatte der Ausbau der Luftwaffe eine vorrangige Stellung, die dem Argus-Werk zu einer wirtschaftlichen und räumlichen Expansion verhalf.  Das lässt sich noch heute an der Architektur und Gliederung der Werksanlage ablesen. Dominierend sind die Umbauten und Erweiterungen aus den 1930er und 1940er Jahren, die unter der Leitung des Architekten Werner Issel ausgeführt wurden. Sein Konzept sah vor, alle Alt- und Neubauten einheitlich mit einer gleichartigen Klinker-Verblendung und Flachdächern  zu versehen. Mit den klaren und sachlichen Formen schuf er einen an der Funktion orientierten Industriebau, weitgehend frei von nationalsozialistischer Architekturideologie. Unmittelbar nach dem Zeiten Weltkrieg diente das nur wenig zerstörte Gelände dem Bezirksamt. Im „Gefolgschaftsgebäude“ mit dem großen Saal und der Kantine waren das Amtsgericht und verschiedene Verwaltungsabteilungen untergebracht. An die Baracke, in der das Standesamt untergebracht war, kann sich Frau Rusch noch sehr gut erinnern. Sie hatte im Februar 1947 bei Eiseskälte dort geheiratet und der Standesbeamte zog auch währen der Zeremonie nicht seine Handschuhe aus.

Wir schreiten die scheinbar endlos lange Front der Verwaltungsgebäude ab und biegen nach Süden in den Stegeweg, der den Bahndamm unterquert. Auf dem Freiheitweg  steuern wir den alten Friedhof an, passieren vorher noch einmal die Siedlung Luisenhof, an die sich die 1919 von der Bauverwaltung der Landgemeinde errichtete Siedlung „Hinter der Dorfaue“ anschließt. Auch hier sollten in erster Linie Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene berücksichtigt werden. Viele konnten aber die geforderte Anzahlung nicht leisten, so dass auch Bewerber aus dem mittleren Bürgertum in den Genuss dieser attraktiven Häuser kamen. Die Architektur orientiert sich am bürgerlich-kleinstädtischen Wohnen. Auf der linken Straßenseite sehen wir die Rückseite des ehemaligen Schwarzkopff’schen Grundstücks mit seinen denkmalgerecht hergerichteten Werkstattgebäuden. Der Friedhof am westlichen Ende des Freiheitsweges entstand 1870, um die beiden bestehenden kleinen Reinickendorfer Friedhöfe zu entlasten. Heute ist er eine beeindruckende Gedenkstätte mit Kriegsgräbern aus dem Zweiten Weltkrieg. Nur noch zwei Gräber sind integriert, die Grabstätte des ehemaligen Bürgermeisters von Reinickendorf Friedrich Wilke und der Industriellenfamilie Rudolf Süss.

Am hochgelegenen S-Bahnhof Alt-Reinickendorf blicken wir auf das ehemalige Empfangsgebäude und laufen an einer uns etwas ungepflegt erscheinenden Grünanlage vorbei. Sie wurde 1932 vom Reinickendorfer Garteninspektor Kurth geschaffen, der sich einen kleinen Landschaftspark mit klaren Wegeführungen und vielfältigem Grün vorgestellt hatte. Am Rande einer Wiesenfläche kann die Skulptur „Der sterbende Adler“ von Ludwig Vordermeyer (1918) bewundert werden. Gegenüber liegt ein dreieckiges Grundstück, dass zwischen 1890 und 1910 mit einem städtischen Mietshaus bebaut wurde. Es ist mit Remise und Vorgarten noch erhalten und korrespondiert mit der Backstein-Architektur des Bahnhofs.

Mit letzter Kraft überqueren wir die Roedernallee, um im Gartencafé des Paracelsusbades zu entspannen und die wichtigsten Eindrücke auszutauschen.

ErzählCafé mit Herrn Kraus

Erzählcafé am 10. Juli 2012

„Als Elektriker in der Schokoladenfabrik“

Herr Kraus berichtet aus seinem Leben

Herr Kraus stammt aus dem Fichtelgebirge. In den 1950er Jahren spielte dort die Porzellanindustrie eine wichtige Rolle. Sie sorgte in der gesamten Region für Arbeitsplätze. Viele seiner Mitschüler fanden dort eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz. Kraus aber ging 1957 nach der Volksschule zur Bundeswehr. In der Nähe seines Wohnortes gab es keine weiterführende Schule, so dass das Abitur den Kindern finanziell Bessergestellter vorbehalten war. Denn Arzt- oder Rechtsanwaltssöhne konnten mit dem Auto zum Bahnhof gefahren werden, um in der nächst größeren Stadt die Oberschule zu besuchen.

Als Kraus sich mustern ließ, hoffte er insgeheim, wegen seiner Größe abgelehnt zu werden. Doch der Militärarzt maß 1,64 Meter, nicht 1,62, wie Kraus meinte, und damit war er wehrtauglich.

Kraus blieb 8 Jahre bei der Bundeswehr, wo er bis zum Feldwebel aufstieg. Im Bayrischen Wald war er eingesetzt, um „Aufklärung“ zu betreiben. Seine Aufgabe bestand zum Beispiel darin, auf dem Fernsehturm, der die Spitze des „Hohen Bogen“ bildete, Signale abzuhören. Dann gefiel es ihm nicht mehr bei der Bundeswehr, und er nutzte die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Elektriker zu absolvieren. Im achten Jahr beim Militär begann er dort die Lehre, dann ging er zurück in seinen Heimatort zur Porzellanfabrik Hutschenreuther, um die Lehre abzuschließen. Die Bundeswehr förderte die Ausbildung finanziell. Die Entscheidung, Elektriker zu werden, hat viel damit zu tun, dass sein Vater Elektriker schon war und bei Hutschenreuther arbeitete.

In der Porzellanfabrik blieb er bis 1978. Inzwischen war er verheiratet und bekam zwei Söhne. Sein Meister wollte in Rente gehen, und Kraus war als Nachfolger vorgesehen. Er hätte allerdings noch seinen Meister machen müssen. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Region änderten sich. Aufgrund der Einfuhr billiger Porzellanwaren aus dem fernen Osten war man nicht mehr konkurrenzfähig. Die Nachfrage nach hochwertigem Porzellan sank. Viele Fabriken produzierten nur noch unter Kurzarbeit. Die Arbeiter hatten plötzlich keine Zukunft mehr. Unter diesen Umständen wollte Kraus nicht länger in dieser Region bleiben. Ihn zog es nach Berlin. Das Arbeitsamt bot ihm eine Stelle als Elektriker in der Schokoladenfabrik Stollwerck in Berlin-Marienfelde an.

Die Ankunft in Berlin am 31. Oktober 1978 am Abend begann mit einem kleinen Desaster: Der Taxifahrer hatte ihn betrogen. Für die Taxifahrt vom Bahnhof Zoo zum Hotel, das ihm das Arbeitsamt für die ersten 14 Tage besorgt hatte, kassierte der Fahrer 40 DM. Kraus zahlte und stellte erst am nächsten Tag fest, dass sein Hotel am Ernst-Reuter-Platz ja ganz dicht am Zoo lag und dass die Taxifahrt unmöglich 40 DM wert sein konnte. Kraus aber lebte sich bald ein, lernte zum Beispiel, dass er beim Umsteigen von der U-Bahn in den Bus nicht noch einmal bezahlen musste und bekam in der Nähe der Fabrik eine eigene kleine, voll eingerichtete Wohnung zugewiesen.

Die Arbeit des Elektrikers in der Schokoladenfabrik war kaum anders als bei der Porzellanherstellung. Die technischen Abläufe ähnelten sich. Kraus wurde Vorarbeiter und programmierte bald die technische Anlage. Er gehörte zu den wenigen, die sich wirklich auskannten und fühlte sich an seinem sicheren Arbeitsplatz sehr wohl. Seine Familie besuchte er regelmäßig. Als ehemaliger Bundeswehrsoldat musste er das Flugzeug nehmen, denn die Durchfahrt durch die damalige DDR war für ihn nicht gestattet. Die Reisekosten sponserte das Arbeitsamt. Nach einem Jahr wollte er seine Familie nachholen. Aber seine Frau konnte es sich partout nicht vorstellen, in Berlin zu leben, und Kraus wollte nicht wieder zurück ins Fichtelgebirge. Das Paar ließ sich scheiden. In der Fabrik lernte Kraus seine zweite Frau kennen. Sie stammte aus Sardinien und hatte es in der Firma bis zur Vorarbeiterin in der Verpackungsabteilung geschafft. Die beiden bauten sich in Berlin ein neues Leben auf. Einer von Kraus’ Söhnen kam später auch nach Berlin, um in der Schokoladenfabrik als Konditor zu arbeiten. Als Kraus’ Frau im Jahr 2006 plötzlich und unerwartet starb, wollte er die Fabrik nicht mehr betreten und kehrte ihr für immer den Rücken.

Grundzüge der Schokoladenherstellung: Bei Stollwerck werden die Kakaobohnen in 50-Kilo-Säcken aus Bremen angeliefert. Es sind verschiedene Sorten, die die spätere Schokoladenqualität beeinflussen. Außerdem spielen der Anteil des Kakaos, der Kakaobutter, des Milchpulvers und des Zuckers eine wesentliche Rolle. Je höher der Kakaoanteil, desto besser und teurer wird die Schokolade.

Die Kakaobohnen werden gereinigt, bei Temperaturen von 100 bis 160 °C geröstet und dann im Mahlwerk in kleine Stücke zerbrochen. Die Schalenteile werden entfernt. Anschließend wird der Kakaobruch gemahlen. Dabei tritt die Kakaobutter heraus, die die Bruchstücke zu einer zähflüssigen dunkelbraunen Kakaomasse verbindet. Zur Herstellung von Kakaopulver wird die flüssige Kakaomasse gepresst, wobei die Kakaobutter abfließt, der Rückstand, der „Kakaopresskuchen“, wird zu Kakaopulver zermahlen.

Zur Herstellung von Schokolade wird die Kakaomasse mit Zucker und Milchpulver vermischt. Diese Masse wird in Walzwerken fein vermahlen, um insbesondere die Zuckerkristalle stark zu reduzieren. In den so genannten Conchen wird die Schokoladenmasse erwärmt und geschlagen. Heute dauert das Conchieren 8 – 30 Stunden, je länger, desto höher ist die Qualität der Schokolade und ihr Preis.

Bevor Schokolade aus dem flüssigen Zustand verarbeitet und zum Erstarren gebracht wird, muss sie temperiert werden, d. h. sie wird gekühlt, bis der Fettanteil in der Schokolade erste Erstarrungskristalle bildet. Man differenziert zwischen sechs verschiedenen Erstarrungskristallen von Schokolade, wobei diese sich in der Optik, Geschmack und der Schmelztemperatur unterscheiden.

In einem weiteren Produktionsschritt wird die Masse in Formen abgefüllt oder als Überzugsmasse für Schokoriegel aufbereitet und danach abgekühlt. Diese Schokoladenmasse kann dann in entsprechende Formen, wie Tafeln, Kugeln, Hohlformen oder Eier gegossen werden. Kurz nach dem Temperieren können Nüsse oder andere Zutaten beigegeben werden.

Spaziergang durch Alt-Reinickendorf

Bericht von der Zusammenkunft der Kiezhistoriker am Dienstag, 12. Juni und vom Kiezspaziergang durch Alt-Reinickendorf am Samstag, 30. Juni 2012

Wir haben ein neues Mitglied gewonnen! Unsere Werbungen auf dem Lettefest waren also nicht ganz vergeblich. Nach einer erneuten Vorstellungsrunde stürzen wir uns in unser heutiges Thema: Der Dorfkern Alt-Reinickendorf. Herr Schlickeiser stellt seinen „Historischen Spaziergang“ zur Verfügung, den er 1993 schon veröffentlicht hat, und Herr Schulze hat eine wunderschöne, farbige Karte vom Dorfkern mitgebracht, die etwa aus Mitte des 18. Jahrhunderts stammt. Die beiden Experten sind nicht zu bremsen und führen uns in die Geschichte des Dorfes ein. Das Dorf wurde von Siedlern im Zuge der Ostkolonisation um 1238 angelegt. Es ist ein Angerdorf, das sich an einer ost-westlich verlaufenden Straße erstreckt. Auf dem Anger fanden die Kirche, der Kirchhof und zwei Dorfteiche Platz. Die Gehöfte der Siedler reihten sich zu beiden Seiten auf schmalen, langen Grundstücken jenseits des Angers auf. Rückwärtig lagen Nutzgärten und Hofäcker. 1740 gab es 20 bebaute Grundstücke, darunter 7 Bauern-, 6 Kossätenhöfe, die Hofanlagen des Lehnschulzen, des Dorfkrugs und des Magistratsvorwerks sowie 2 wüste Höfe. Die Straße war mit Wegen verknüpft, die zu den Nachbardörfern in und um Berlin führten. Die ursprüngliche Straßenform hat sich bis heute erhalten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Straße gepflastert. Auch stand schon im 18. Jahrhundert ein Schulhaus auf dem Anger (Schulpflicht in Preußen ab 1717), das aber nur bis 1906 als Lehranstalt genutzt wurde, dann wurde die große Schule in der Lindauer Straße eingeweiht. Das Dorf und große Teile der umliegenden Felder gehörten bis zur Separation 1821-1842 dem Magistrat von Berlin. Die Bauern waren zu Abgaben verpflichtet.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden dicht an der Dorfmitte zahlreiche Industriebetriebe, die den dörflichen Charakter veränderten. Mit den Betrieben wurden große Mietshäuser gebaut, um die Nachfrage der hinzuziehenden Arbeiter nach Wohnraum befriedigen zu können. Wichtige Industriebetriebe waren die Daimon-Werke GmbH, die Maschinenfabriken Albrecht Schwartzkopf und Prometheus GmbH, die Ventilatoren- und Apparatebaufabrik Turbon, deren Gebäude zumeist wieder Wohnhäusern weichen mussten. Doch das wollen wir uns genauer vor Ort ansehen.

Wir treffen uns am Samstagnachmittag bei sehr warmem Wetter vor der kleinen Dorfkirche aus Feldsteinen. Wir hatten schon erfahren, dass wir nicht in das Gotteshaus hineingehen dürfen, finden doch an den Sommerwochenenden rund um die Uhr Hochzeiten oder Taufen statt. In der Tat bietet die Dorfaue das ideale Ambiente für romantische Hochzeiten. Alles ist grün und verträumt. Weder viel Straßenverkehr noch irgendwelche Geschäfte stören. Früher, noch in den 1950er Jahren, fuhr hier die Straßenbahn durch, und ein Bus umrundete den Dorfanger. Wir erleben zwei Hochzeiten mit Bräuten in langen weißen Kleidern. Während der Pfarrer die nächsten Gäste begrüßt, posiert sich das erste Brautpaar für den Fotografen. Einzeln betreten wir heimlich die Kirche und sehen uns darin um. Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts errichtet; der westlich vorgesetzte Kirchturm stammt aus dem Jahr 1713. Prägend im Inneren sind die dunkle Holzdecke, die weißen Wände und die hölzerne Empore. Sehenswert ist auch der bemalte Flügelaltar von 1520. Etwas Besonderes an der Außenform ist der halbrunde Ostabschluss, der nur noch in der Mark Brandenburg mehrmals vorkommt. Von dem ehemaligen Dorfkirchhof sind nur noch drei eiserne Grabkreuze erhalten, die von Gräbern hier früher lebender Bauern stammen.

Unser Rundgang beginnt an der Südseite der Dorfaue, wir halten an den verschiedenen, noch zum Teil erhaltenen Bauernhäusern, wie Nr. 44 oder 37, und versuchen uns vorzustellen, wie der Hof damals ausgesehen hat. Niedrige Bauernhäuser mit Satteldach und hohe, viergeschossige Mietshäuser wechseln sich ab. Doch bestimmte ländliche oder vorindustrielle Elemente sind noch erkennbar, wie die Vorgärten, die Zäune, die Dachformen oder auch die Eisenschienen in der Durchfahrt, die den Pferdewagen dienten. Beeindruckend ist das alte Amtshaus (Nr. 38) mit seiner schön renovierten, gediegenen Backsteinfassade.

Auf der Nordseite der Dorfaue wird der Einfluss der Industriebetriebe deutlich. Viele alte Fabrikgebäude, auch die Villa der Familie Schwartzkopf, mussten jedoch modernen, ab Mitte des 20. Jahrhundert errichteten Gewerbegebäuden weichen. Eine Überraschung ist die ausgezeichnete Wiederherstellung der ehemaligen Schwartzkopf’schen Backsteinfabriken, in denen heute Büros residieren. Auch gefiel uns der aktuelle Umbau des ehemaligen Schalthauses der Berliner Elektrizitätswerke Nr. 20 in ein Wohnhaus. Als wir den Luisenweg passierten, konnten wir einen Blick in die ehemals  genossenschaftliche Siedlung am Freiheitsweg werfen. Von 1919-1920 als Siedlung mit Nutzgärten für Menschen mit niedrigen Einkommen erbaut, sind heute durch Umbauten stark verändert worden. Das wie eine große Villa wirkende Gebäude Nr. 21-22 ist das Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Reinickendorf. Seit dem Mittelalter befindet sich dort ein Pfarrhof. Einige aus unserer Gruppe gingen hier zum Konfirmandenunterricht und wurden in der Dorfkirche konfirmiert.

Das viele Anhalten und Schauen macht durstig. Uns zieht es in Richtung Westen zur Nr. 3. In diesem ehemaligen Bauernhaus findet sich heute eine Gaststätte mit großem Vorplatz im Freien. Dort lassen wir uns nieder und genießen noch ein Stündchen den sommerlichen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen oder einem schönen Bier.