KiezHistoriker

Heiligensee

Erkundigungsfahrt in den Norden Reinickendorfs

Samstag, 29. Juni 2013. Unser Ziel ist Alt-Heiligensee. Wir treffen uns an der Kirche auf dem Dorfanger. Unser Rundgang beginnt am Gedenkstein, der 2008 anlässlich der 700-Jahrfeier Heiligensees aufgestellt wurde. Wir bewundern den alten und herrlichen Baumbestand, der die historische Allee nachzeichnet. Kaum vorstellbar, dass hier von 1913 bis 1958 eine Straßenbahn entlang fuhr. Aber das ehemalige Straßenbahndepot kann man noch besuchen; als Kulturzentrum mit Restaurant und einer Blumenhandlung ist es ein lebendiges Zeugnis der Vergangenheit. Gegenüber der Dorfgaststätte entdecken wir einen seltenen, hochgewachsenen Maulbeerbaum, dessen Früchte wir unbedingt kosten müssen.

Heimatforscher Klaus Schlickeiser hat einen dicken Band über die Entwicklung Heilgensees veröffentlicht und weiß zu jedem Haus eine Geschichte. Wir hören etwas über die großen Bauerngehöfte, die Häuser der Kossäten, über Büdner- und Landarbeiterhäuser, erfahren aber auch etwas über prächtige Villen aus der Gründerzeit und Anfang des 20. Jahrhunderts. Schlickeiser weist uns auf ein giebelständiges Kossätenhaus noch aus der Barockzeit hin. Später wurden die meisten Wohnhäuser traufständig errichtet. Die Grundstücke verliefen lang und schmal zu beiden Seiten des Angers und erstreckten sich bis zum Wasser, nach Westen zur Havel beziehungsweise Nieder Neustädter See, nach Osten zum Heiligen See. Im Lauf der Jahrhunderte wurden sie auch in der zweiten Reihe mit Schuppen, Werkstätten und Scheunen bebaut; die Gehöfte bildeten Vierkanthöfe.

Heute wird Landwirtschaft bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr betrieben, so dass die Gebäude und Scheunen der zweiten Reihe in moderne Wohnhäuser umgewandelt wurden. Eine Ortssatzung bestimmt, dass die historischen Bauformen erhalten bleiben müssen, um den dörflichen Charakter zu wahren. Sogar das Kopfsteinpflaster der Dorfstraße ist wieder hergestellt worden. So muss man in dieser Idylle leider den Lärm ertragen, den die Autos auf dieser recht befahrenen Durchgangsstraße verursachen.

Zum Ausklang versammelten wir uns in der traditionellen Ausflugsgaststätte Dannenberg, die über eine wunderbare Terrasse mit Blick über die Havel und eine eigene Dampferanlegestelle verfügt. Wegen des regnerischen Wetters war der Tisch für uns im ehemaligen Pferdestall gedeckt.

Besuch des Jugendstadtteilladens

Der Eckladen Provinzstraße/ Schwabstraße steht seit Dezember 2012 Jugendlichen zur Verfügung. Die drei Sozialarbeiter Ines, Seytali und Silke vom Träger Gemeinnützige Gesellschaft für sozial-kulturelle Arbeit mbH – Projekt „Outreach“ sind Ansprechpartner und machen Angebote, um Kontakte zu knüpfen und bei Problemen in Schule, Familie oder Beruf zu helfen. Am Dienstagnachmittag, dem 6. Juni 2013, empfangen sie uns in ihrem Laden und stellen sich und ihre Arbeit vor, die sie als mobile Jugendarbeit bezeichnen. Das bedeutet, dass sie neben Projekten im Laden oder einer Gruppenarbeit im „Haus am See“ die Jugendlichen dort aufsuchen, wo sie sich meistens aufhalten – wie auf dem Spielplatz an der Hausotterstraße oder an bestimmten Ecken im Kiez. Für diese Arbeit stehen generell 1,5 Stellen, zurzeit aber haben sie eine Stelle mehr durch eine Sonderfinanzierung des Bezirkes zur Verfügung, die sich die Sozialarbeiter teilen. Das Projekt der Jugendstadtteilladen läuft vorerst für 18 Monate, und das Quartiersmanagement Letteplatz hat für diesen Zeitraum die Finanzierung übernommen.

Ziel dieser Jugendarbeit ist es, die Kinder und Jugendlichen in dem, was sie können zu bestärken und diese Qualitäten weiter zu entwickeln. Die Sozialarbeiter treffen in Reinickendorf-Ost meistens auf junge Migranten. Viele leben beengt in überbelegten Wohnungen, haben keine Ausbildung oder Arbeit. Manchmal haben sie schon Straftaten begangen. Ihr Lebensort ist die Straße. Dort versuchen die Sozialarbeiter mit ihnen in Kontakt zu kommen. Wenn die Jugendlichen Hilfe wollen, können sie begleitet werden. So ist es neulich gemeinsam mit einem jungen Mann gelungen, für ihn eine Wohnung zu finden. Oder Jugendliche können motiviert werden, sich an Planungsprozessen zu bete

iligen, wie es kürzlich für den Letteplatz geschah. Um solche Erfolge zu erzielen, bauen die Sozialarbeiter ein soziales Netzwerk auf; sie arbeiten mit den Schulen und der Familieneinrichtung „Haus am See“ zusammen. Die Jugendlichen sollen wieder in die Gesellschaft integriert werden und von ihr partizipieren können.

Spätestens hier gibt es genug Stoff für die Diskussion. Einige von uns können es nicht fassen, dass die Eltern oder Schulen es nicht schaffen, die Kinder und Jugendliche so zu erziehen, dass sie ihren eigenen Weg finden können und nicht straffällig werden. Die Sozialarbeiter weisen darauf hin, dass die vielfältigen Ursachen wie Armut, mangelnde Bildung, unzureichender Wohnraum divergierende Familientraditionen dahin führen, viele Jugendliche auszugrenzen.

Programm 2013

Der Lettekiez gestern und heute
Programm 2013

Seit 2011 erkunden Senioren, aber auch jüngere Nachbarn den Lettekiez. Sie besuchen Betriebe, Kirche und Kindergärten, machen Stadtspaziergänge, laden Gäste zum Erzählen ein oder berichten selbst über ihre Erfahrungen aus ihrem Leben und im Kiez – selbstverständlich im gemütlichen Rahmen bei Kaffee und Keksen. In diesem Jahr wird es weitergehen. Die Mitglieder des Projekts würden sich sehr über Zuwachs freuen. Das Programm gibt den Rahmen an, die Inhalte werden von den Mitmachenden genauer bestimmt. Die Gruppe trifft sich in der Regel jeden 2. Dienstag/ Monat von 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51.

Folgende Termine wurden festgelegt (Änderungen vorbehalten):

Dienstag, 05. März              Vorbereitungstreffen

Samstag, 23. März                      14 Uhr Stadtpaziergang (Mittelbruchzeile u.Gewerbe)

Dienstag, 23. April               15 Uhr, Erzählcafe und Rundgang 20er-Jahre-Wohnungen mit Sven Bülow, Gagfah; Treff: Quartiersbüro

Dienstag, 14. Mai                Erzählcafé (Herr Mitschke, Sozialkaufhaus, Rabauke e.V.)

Samstag, 1. Juni               Tag des Hoffestes

Freitag, 7. Juni                   Lettefest/ Kiezrätsel 14-19 Uhr

Dienstag, 11. Juni                Kiezhistoriker (Jugendstadtteilladen, Provinzstr. 103)

Samstag, 29. Juni                       14 Uhr Stadtspaziergang (Alt-Heiligensee)

Dienstag, 9. Juli                    Kiezhistoriker (Besuch Wensickendorf)

Dienstag, 6. August             Erzählcafé mit Tanja Bethke, Buchhandlung Schäfersee

Samstag, 24. August      14 Uhr Stadtspaziergang (Wasserstadt)

Dienstag, 10. September  Erzählcafé

Dienstag, 8. Oktober           Kiezhistoriker

Dienstag, 12. November   Erzählcafé

Dienstag, 03. Dezember    15 Uhr, Abschlussfeier im Quartiersbüro

2. Spaziergang durch Alt-Reinickendorf

Am Dienstag, dem 7. August 2012, setzen wir unseren Streifzug durch Alt-Reinickendorf fort. Wir haben uns das Gebiet nördlich der Dorfaue vorgenommen und treffen uns, wie beim letzten Mal, an der Kirche. Wir passieren das herrschaftlich anmutende Pfarrhaus (Alt-Reinickendorf 21-22) aus dem Jahr 1912 und das in demselben Jahr errichtete Schalthaus der Bewag, das heute nach dem Umbau in jüngerer Zeit ein sicher außergewöhnliches Wohnhaus ist. Zur Entstehungszeit hatte man darauf geachtet, diesen Bau so zu gestalten, dass er mit der geplanten Siedlung Luisenhof korrespondiert. Erst beim genauen Hinschauen fällt ins Auge, dass es sich um einen Industriebau handelt. Die 1919-1920 erbaute Siedlung Luisenhof erstreckt sich bis zum Damm der Bahnlinie. Mit ihren kleinen, einfach ausgestatteten Wohnungen trug sie dazu bei, die Wohnungsnot nach dem 1. Weltkrieg zu lindern. Nach dem sozialreformerischen Konzept gehört zu jedem Haus ein Garten, um sich selbst mit Gemüse und Obst versorgen zu können. Heute blühen und gedeihen hier meistens Blumen und Zierpflanzen. Bedauerlicherweise ist die Einheitlichkeit der Siedlung kaum mehr zu erkennen. Jeder Eigentümer hat bei der Renovierung der Dächer und Fassaden, Eingänge und Zäune seinen eigenen Geschmack walten lassen. Die Aufhebung des Bürgersteiges zugunsten einer durchgehenden Straßenfläche hat unserer Meinung nach den Charakter der Siedlung weiter zerstört. Vier Stolpersteine zeigen, dass auch hier jüdische Familien gewohnt haben, die von den Nazis vertrieben und ermordet wurden.

Am Freiheitsweg fallen zwei hohe alte Eichen auf. Sie markieren die Grundstückgrenze zwischen den vom Anger ausgehenden, langgestreckten Kossätengrundstücken und der Feldflur. Wir laufen den Freiheitsweg in Richtung Osten, überqueren den Stegeweg, der einst das Dorf mit Rosenthal verbunden hat, und werfen einen Blick auf den Sportplatz der „Reinickendorfer Füchse“, der mit seinen Anlagen bereits in den 1920er Jahren entstanden ist. Zurzeit planen die „Füchse“ ein neues Vereinsheim. Gegenüber liegt ein interessanter moderner Backsteinbau. Er wurde in den 1970er Jahren von Hans Christian Müller als Kindergarten errichtet. Eigentümerin ist die evangelische Kirche, die den Bau veräußern möchte. Eigentlich schade.

Die Siedlung am Klemke-Park wurde in den 1920er-Jahren von der Heimstättengesellschaft „Primus“ nach Plänen des Architekten Fritz Beyer errichtet. Sie wurde 1944 teilweise zerstört, aber 1952 wieder aufgebaut. An der Kopenhagener Straße 19-33 passieren wir ein in den 1990er Jahren gebautes Männerwohnheim. Früher, seit 1902, hatte die Feuerwache dieses Grundstück genutzt.

Die Kopenhagener Straße wird von zwei Bahndämmen überquert. Auf dem südlichen fährt die S-Bahn nach Heiligensee. Ursprünglich diente die Trasse der Kremmener Bahn (seit 1893), die die sich seit Ende des 19. Jahrhundert ansiedelnden Industriegebiete erschloss. Nördlich ist es der Bahndamm der Nordbahn (seit 1877), auf dem heute die S-Bahn nach Frohnau fährt. Wir besichtigen einige der an der Kopenhagener- und an der Flottenstraße liegenden Industriebetriebe. Die ehemalige Eisengießerei Schöning erstreckt sich zwischen dem Damm der Nordbahn und der Industriebahn. Einige historische Gebäude sind noch erhalten und stehen unter Denkmalschutz wie das Direktionsgebäude an der Kopenhagener Straße, die wie eine bürgerliche Villa wirkt. Die Fabrikgebäude und Hallen mit den Sheddächern bestehen aus rotem Backstein und machen noch immer einen soliden Eindruck. Zwei unserer Gruppenmitglieder haben dort einmal gearbeitet. Sie zeigen aufgeregt auf die Fenster ihrer Arbeitsräume. Heute wird die Fabrikanlage von verschiedenen Firmen genutzt. Herr Schlickeiser berichtet, dass sich bei Schöning rund 20.000 alte Gussformen angesammelt haben; manche von ihnen werden sicher noch gebraucht, wenn zum Beispiel ein Denkmal repariert werden muss. Wo sie wohl aufbewahrt werden, wusste er nicht zu sagen. Man könnte ein Museum damit füllen.

Entlang der Nordbahn verlief die Grenze zur DDR und ab 1961 die Mauer. Bis zum Mauerbau gab es auf der Kopenhagener Straße eine Straßenbahnverbindung nach Pankow. Die Straßenbahnen fuhren jeweils bis zur (noch offenen) Grenze, dort überquerte man sie zu Fuß und stieg auf der anderen Seite in die wartende Bahn ein. Der Fahrschein blieb gültig. Da die Fahrkarte im Osten billiger war als im Westen, nahmen viele Berliner schon im Osten die Straßenbahn und mussten dann umsteigen.

Auf dem ausgedehnten Gelände Flottenstraße 28-42 erstrecken sich die Industriebauten der ehemaligen Argus-Motoren-Gesellschaft mbH. Es sind aneinandergereihte, zu unterschiedlichen Zeiten erbaute Betriebsgebäude mit Pförtnerhaus sowie der Bunker an der Ecke Kopenhagener Straße; nördlich schließt sich der Hallenkomplex und die frühere Werkskantine an. Schon 1902 ließ sich hier die Maschinenfabrik Leopold Ziegler nieder, die sich auf den Bau von Flugzeugmotoren spezialisierte. 1908 übernahm die Argus-Motoren-Gesellschaft mbH die Werkstätten und baute sie angesichts des 1. und 2. Weltkriegs zu einem wichtigen Rüstungsbetrieb aus. 1918 hatte das Werk etwa 800 Mitarbeiter, bis 1944 arbeiteten dort über 8.000 Beschäftigte. Herr Schlickeiser erinnert an große Streiks der Munitionsarbeiter in der Weimarer Republik. In der Zeit der Nationalsozialisten hatte der Ausbau der Luftwaffe eine vorrangige Stellung, die dem Argus-Werk zu einer wirtschaftlichen und räumlichen Expansion verhalf.  Das lässt sich noch heute an der Architektur und Gliederung der Werksanlage ablesen. Dominierend sind die Umbauten und Erweiterungen aus den 1930er und 1940er Jahren, die unter der Leitung des Architekten Werner Issel ausgeführt wurden. Sein Konzept sah vor, alle Alt- und Neubauten einheitlich mit einer gleichartigen Klinker-Verblendung und Flachdächern  zu versehen. Mit den klaren und sachlichen Formen schuf er einen an der Funktion orientierten Industriebau, weitgehend frei von nationalsozialistischer Architekturideologie. Unmittelbar nach dem Zeiten Weltkrieg diente das nur wenig zerstörte Gelände dem Bezirksamt. Im „Gefolgschaftsgebäude“ mit dem großen Saal und der Kantine waren das Amtsgericht und verschiedene Verwaltungsabteilungen untergebracht. An die Baracke, in der das Standesamt untergebracht war, kann sich Frau Rusch noch sehr gut erinnern. Sie hatte im Februar 1947 bei Eiseskälte dort geheiratet und der Standesbeamte zog auch währen der Zeremonie nicht seine Handschuhe aus.

Wir schreiten die scheinbar endlos lange Front der Verwaltungsgebäude ab und biegen nach Süden in den Stegeweg, der den Bahndamm unterquert. Auf dem Freiheitweg  steuern wir den alten Friedhof an, passieren vorher noch einmal die Siedlung Luisenhof, an die sich die 1919 von der Bauverwaltung der Landgemeinde errichtete Siedlung „Hinter der Dorfaue“ anschließt. Auch hier sollten in erster Linie Kriegsbeschädigte und Hinterbliebene berücksichtigt werden. Viele konnten aber die geforderte Anzahlung nicht leisten, so dass auch Bewerber aus dem mittleren Bürgertum in den Genuss dieser attraktiven Häuser kamen. Die Architektur orientiert sich am bürgerlich-kleinstädtischen Wohnen. Auf der linken Straßenseite sehen wir die Rückseite des ehemaligen Schwarzkopff’schen Grundstücks mit seinen denkmalgerecht hergerichteten Werkstattgebäuden. Der Friedhof am westlichen Ende des Freiheitsweges entstand 1870, um die beiden bestehenden kleinen Reinickendorfer Friedhöfe zu entlasten. Heute ist er eine beeindruckende Gedenkstätte mit Kriegsgräbern aus dem Zweiten Weltkrieg. Nur noch zwei Gräber sind integriert, die Grabstätte des ehemaligen Bürgermeisters von Reinickendorf Friedrich Wilke und der Industriellenfamilie Rudolf Süss.

Am hochgelegenen S-Bahnhof Alt-Reinickendorf blicken wir auf das ehemalige Empfangsgebäude und laufen an einer uns etwas ungepflegt erscheinenden Grünanlage vorbei. Sie wurde 1932 vom Reinickendorfer Garteninspektor Kurth geschaffen, der sich einen kleinen Landschaftspark mit klaren Wegeführungen und vielfältigem Grün vorgestellt hatte. Am Rande einer Wiesenfläche kann die Skulptur „Der sterbende Adler“ von Ludwig Vordermeyer (1918) bewundert werden. Gegenüber liegt ein dreieckiges Grundstück, dass zwischen 1890 und 1910 mit einem städtischen Mietshaus bebaut wurde. Es ist mit Remise und Vorgarten noch erhalten und korrespondiert mit der Backstein-Architektur des Bahnhofs.

Mit letzter Kraft überqueren wir die Roedernallee, um im Gartencafé des Paracelsusbades zu entspannen und die wichtigsten Eindrücke auszutauschen.

Spaziergang durch Alt-Reinickendorf

Bericht von der Zusammenkunft der Kiezhistoriker am Dienstag, 12. Juni und vom Kiezspaziergang durch Alt-Reinickendorf am Samstag, 30. Juni 2012

Wir haben ein neues Mitglied gewonnen! Unsere Werbungen auf dem Lettefest waren also nicht ganz vergeblich. Nach einer erneuten Vorstellungsrunde stürzen wir uns in unser heutiges Thema: Der Dorfkern Alt-Reinickendorf. Herr Schlickeiser stellt seinen „Historischen Spaziergang“ zur Verfügung, den er 1993 schon veröffentlicht hat, und Herr Schulze hat eine wunderschöne, farbige Karte vom Dorfkern mitgebracht, die etwa aus Mitte des 18. Jahrhunderts stammt. Die beiden Experten sind nicht zu bremsen und führen uns in die Geschichte des Dorfes ein. Das Dorf wurde von Siedlern im Zuge der Ostkolonisation um 1238 angelegt. Es ist ein Angerdorf, das sich an einer ost-westlich verlaufenden Straße erstreckt. Auf dem Anger fanden die Kirche, der Kirchhof und zwei Dorfteiche Platz. Die Gehöfte der Siedler reihten sich zu beiden Seiten auf schmalen, langen Grundstücken jenseits des Angers auf. Rückwärtig lagen Nutzgärten und Hofäcker. 1740 gab es 20 bebaute Grundstücke, darunter 7 Bauern-, 6 Kossätenhöfe, die Hofanlagen des Lehnschulzen, des Dorfkrugs und des Magistratsvorwerks sowie 2 wüste Höfe. Die Straße war mit Wegen verknüpft, die zu den Nachbardörfern in und um Berlin führten. Die ursprüngliche Straßenform hat sich bis heute erhalten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Straße gepflastert. Auch stand schon im 18. Jahrhundert ein Schulhaus auf dem Anger (Schulpflicht in Preußen ab 1717), das aber nur bis 1906 als Lehranstalt genutzt wurde, dann wurde die große Schule in der Lindauer Straße eingeweiht. Das Dorf und große Teile der umliegenden Felder gehörten bis zur Separation 1821-1842 dem Magistrat von Berlin. Die Bauern waren zu Abgaben verpflichtet.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden dicht an der Dorfmitte zahlreiche Industriebetriebe, die den dörflichen Charakter veränderten. Mit den Betrieben wurden große Mietshäuser gebaut, um die Nachfrage der hinzuziehenden Arbeiter nach Wohnraum befriedigen zu können. Wichtige Industriebetriebe waren die Daimon-Werke GmbH, die Maschinenfabriken Albrecht Schwartzkopf und Prometheus GmbH, die Ventilatoren- und Apparatebaufabrik Turbon, deren Gebäude zumeist wieder Wohnhäusern weichen mussten. Doch das wollen wir uns genauer vor Ort ansehen.

Wir treffen uns am Samstagnachmittag bei sehr warmem Wetter vor der kleinen Dorfkirche aus Feldsteinen. Wir hatten schon erfahren, dass wir nicht in das Gotteshaus hineingehen dürfen, finden doch an den Sommerwochenenden rund um die Uhr Hochzeiten oder Taufen statt. In der Tat bietet die Dorfaue das ideale Ambiente für romantische Hochzeiten. Alles ist grün und verträumt. Weder viel Straßenverkehr noch irgendwelche Geschäfte stören. Früher, noch in den 1950er Jahren, fuhr hier die Straßenbahn durch, und ein Bus umrundete den Dorfanger. Wir erleben zwei Hochzeiten mit Bräuten in langen weißen Kleidern. Während der Pfarrer die nächsten Gäste begrüßt, posiert sich das erste Brautpaar für den Fotografen. Einzeln betreten wir heimlich die Kirche und sehen uns darin um. Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts errichtet; der westlich vorgesetzte Kirchturm stammt aus dem Jahr 1713. Prägend im Inneren sind die dunkle Holzdecke, die weißen Wände und die hölzerne Empore. Sehenswert ist auch der bemalte Flügelaltar von 1520. Etwas Besonderes an der Außenform ist der halbrunde Ostabschluss, der nur noch in der Mark Brandenburg mehrmals vorkommt. Von dem ehemaligen Dorfkirchhof sind nur noch drei eiserne Grabkreuze erhalten, die von Gräbern hier früher lebender Bauern stammen.

Unser Rundgang beginnt an der Südseite der Dorfaue, wir halten an den verschiedenen, noch zum Teil erhaltenen Bauernhäusern, wie Nr. 44 oder 37, und versuchen uns vorzustellen, wie der Hof damals ausgesehen hat. Niedrige Bauernhäuser mit Satteldach und hohe, viergeschossige Mietshäuser wechseln sich ab. Doch bestimmte ländliche oder vorindustrielle Elemente sind noch erkennbar, wie die Vorgärten, die Zäune, die Dachformen oder auch die Eisenschienen in der Durchfahrt, die den Pferdewagen dienten. Beeindruckend ist das alte Amtshaus (Nr. 38) mit seiner schön renovierten, gediegenen Backsteinfassade.

Auf der Nordseite der Dorfaue wird der Einfluss der Industriebetriebe deutlich. Viele alte Fabrikgebäude, auch die Villa der Familie Schwartzkopf, mussten jedoch modernen, ab Mitte des 20. Jahrhundert errichteten Gewerbegebäuden weichen. Eine Überraschung ist die ausgezeichnete Wiederherstellung der ehemaligen Schwartzkopf’schen Backsteinfabriken, in denen heute Büros residieren. Auch gefiel uns der aktuelle Umbau des ehemaligen Schalthauses der Berliner Elektrizitätswerke Nr. 20 in ein Wohnhaus. Als wir den Luisenweg passierten, konnten wir einen Blick in die ehemals  genossenschaftliche Siedlung am Freiheitsweg werfen. Von 1919-1920 als Siedlung mit Nutzgärten für Menschen mit niedrigen Einkommen erbaut, sind heute durch Umbauten stark verändert worden. Das wie eine große Villa wirkende Gebäude Nr. 21-22 ist das Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Reinickendorf. Seit dem Mittelalter befindet sich dort ein Pfarrhof. Einige aus unserer Gruppe gingen hier zum Konfirmandenunterricht und wurden in der Dorfkirche konfirmiert.

Das viele Anhalten und Schauen macht durstig. Uns zieht es in Richtung Westen zur Nr. 3. In diesem ehemaligen Bauernhaus findet sich heute eine Gaststätte mit großem Vorplatz im Freien. Dort lassen wir uns nieder und genießen noch ein Stündchen den sommerlichen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen oder einem schönen Bier.

Besuch des ehemaligen Luisenbades an der Badstraße in Wedding, 15. Mai 2012

Dass sich hier an der Badstraße ein

geschichtsträchtiger Ort befindet, verraten höchstens die beiden prächtigen Hausfassaden an der östlichen Seite der Badstraße, und nur wenige Menschen bemerken, dass man hier die Panke überquert. Die Reste des von uns aufgesuchten Luisenbades liegen im Hinterhof, den man über die schmale, grüne Travemünder Straße neben der Panke erreichen kann. Hier war unser Treffpunkt. Heute sind die noch erhaltenen Gebäude des ehemaligen Bades in den interessanten Neubau der Stadtbibliothek integriert. Einst umfasste das Luisenbad eine riesige Waldfläche, die sich auch über die westliche Straßenseite bis zur heutigen Prinzenallee und Pankstraße ausdehnte. Sie wurde in einen Kurpark mit Brunnenhäuschen Badeanstalt, Gastwirtschaft und Sommerhäusern umgewandelt, der jedoch ab 1856 parzelliert und bis 1873 bebaut wurde. Neben den alten Brunnenanlagen blieb nur ein einziges großes Grundstück übrig, auf dem ein Vergnügungsetablissement mit Schwimmbad, Kegelbahnen, Tanzhallen und Kaffeeküche entstand. Es wurde „Marienbad“ genannt. Der neue Besitzer des Marien- und Luisenbades, Carl Galuschki, errichtete dort das noch heute existierende, reich geschmückte Mietshaus Badstraße 38/39 mit dem Brunnen-Relief an der zur Panke hin orientierten Fassade. Das Mietshaus verkaufte er weiter, aber den Saalbau im Hofinneren vergrößerte er 1910 für ein Kino. Das „Lichtspieltheater Marienbad“ existierte dort bis in die Nachkriegszeit. Die in der Zwischenzeit heruntergekommene Luisenquelle wurde versiegelt. Ende der 1970er-Jahre wurde das Vorderhaus an der Badstraße saniert. Die Hofgebäude sollten abgerissen werden. Der Kinosaal war bereits abgetragen, als die Denkmalpflege beschloss, die restlichen Gebäude zu erhalten und unter Denkmalschutz zu stellen. Das „Vestibül“ des ehemaligen Tanzsaals  und das „Comptoir“ wurden in das neue Konzept, hier die Stadtbibliothek zu errichten, einbezogen, die am 1. November 1995 ihren Betrieb aufnahm.

Das hinter der Badstraße versteckte Kleinod begeisterte uns. Schön, dass wenigstens der historische Eingangsbereich zu den ehemaligen Tanzsälen noch erhalten ist und auch die Front des Cafés. So kann man sich ein wenig in die alten Zeiten hineinversetzen. Auch die Balustrade an der Pankebrücke deutet auf das ehemalige Etablissement hin. Die Bibliothek, die von einigen unserer Kiezhistoriker regelmäßig besucht wird, hat durch die Einbeziehung der alten Gemäuer eine einzigartige Atmosphäre erhalten.

Am gegenüberliegenden Ufer der Panke befindet sich eine alte Wassermühle, die um 1844 erbaut wurde. Sie war bis 1891 in Betrieb und ist das älteste erhaltene Wohn- und Gewerbehaus an der Badstraße. Schon 1714 wurde dort eine Walkmühle und ab 1731 eine Papiermühle errichtet. 1890 erwarb der Fabrikant Carl Arnheim das Mühlengelände zwischen den beiden Pankearmen und erbaute dort die Tresorfabrik S. J. Arnheim. Sie bestand aus einem Fabrikgebäude, vier großen Schuppen, einem Inspectorhaus und einem Wohngebäude. Architekt war Wilhelm Martens, ein früherer Mitarbeiter von Martin Gropius. Erhalten sind noch das Wohnhaus an der Badstraße und die Shedhallen, die man 1897 als zweite große Produktionsstätte errichtete. Heute dienen die denkmalgeschützten Hallen Berliner Künstlern als Bildhauerwerkstatt. Der westliche Pankearm wurde zugeschüttet, der östliche Flussarm begradigt und mit einer Ufermauer befestigt. Die alte Mühle wurde zur Druckereiwerkstatt ausgebaut. In die neuen Räume zog die Redaktion der 1887 gegründeten Gesundbrunner Zeitung „Die Quelle“. 1938 endete die Geschichte der traditionsreichen Tresorfabrik der jüdischen Familie Arnheim mit einer Zwangsversteigerung. Die Witwe des 1905 verstorbenen Fabrikanten, Dorothea Arnheim, und ihre beiden Söhne Felix und Siegmund Arnheim wurden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern ermordet.

Nach so viel Geschichte liefen wir das Gelände des ehemaligen Luisenbades ab und warfen noch einen Blick auf die St. Pauskirche, die Karl Friedrich Schinkel 1835 als erstes Gebäude auf der westlichen Seite der Badstraße gebaut hatte. Die St. Paulskirche am Gesundbrunnen ist eine von vier Schinkel-Kirchen, die  fast gleichzeitig entstanden. Die anderen drei sind: die Elisabethkirche in der Rosenthaler Vorstadt, die Nazarethkirche auf dem Wedding und die Johanniskirche in Moabit. Nach dem Verkauf dieses ehemaligen Parks wurde das Gelände 1896 parzelliert und mit fünfgeschossigen Mietshäusern bebaut. Um die niedrige Kirche nicht ganz darin verschwinden zu lassen, errichtete man 1889 einen Glockenturm in Form eines Campanile, der die Häuser überragt. 1911 entstand als Anbau an die Kirche ein großes Gemeindehaus.

Zum Ausruhen und Kaffeetrinken setzten wir uns in der benachbarten Buttmannstraße in einen Hofgarten. Der Straßenname stammt übrigens von Philipp Buttmann, der ab 1858 Pfarrer an der Paulsgemeinde war und die Entwicklung des Gebietes 28 Jahre lang beobachtet und protokolliert hat.

Im Garten erfahren wir, dass dieses  und das Nachbargrundstück bis zu den 1980er-Jahren jeweils noch mit einem Seitenflügel und einem Quergebäude bebaut waren, die im Zuge einer staatlich geförderten Sanierung abgerissen wurden. Wir erhalten auch Informationen über die aktuelle soziale Situation in der Buttmannstraße und dass das Vermietungsmanagement Feingefühl erfordert.

1. Stadtspaziergang, Samstag, 31. März 2012

Es war kalt und windig, als wir uns um 14 Uhr am Kinderzentrum trafen. Ein starker Regenschauer veranlasste Herrn Kraus, uns alle zu sich einzuladen, damit wir uns nicht beim Durch-die-Gegend-Laufen einen Schnupfen zuziehen würden. Doch wir lehnten eisern ab. Es war ein richtiges Aprilwetter, und da scheint auch mal die Sonne. Herr Schlickeiser schlug vor, einen Teil des Schäfersees zu umrunden und dann den Weg in Richtung der ehemaligen Eisfabriken zu nehmen.

Der Schäfersee entstand am Ende der Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren. Ein liegen gebliebener Eisblock war von Geschiebematerial überdeckt worden und blieb als Toteis zurück. Beim Schmelzen füllte sich die etwa 7 Meter tiefe und 4,5 Hektar umfassende Kuhle mit Wasser. Über Gräben, in westlicher Richtung über den schwarzen Graben, wurden die früheren Felder in den See entwässert. Um die Jahrhundertwende befand sich am östlichen Ufer eine Badeanstalt. In den 1920er Jahren ließ das Bezirksamt Reinickendorf um den See einen Park anlegen. Der Entwurf stammte vom Obergarteninspektor Karl Löwenhagen. Noch heute sind die Grundgedanken zu erkennen. Alle auf den See zuführenden Straßen – und auch einige Wohnanlagen – sind in die Parkgestaltung einbezogen worden. So sind die Straßen oft als Alleen ausgestattet, die, wie die Brienzer Straße, auf einem Aussichtsplateau enden, oder, wie die Baseler Straße, mit einer Promenade verbunden werden. Das heutige „Haus am See“ wurde 1926 als Kindertagesstätte mit großem Spielplatz erbaut. An der Holländerstraße gibt es zwischen den 1930/31 von Fritz Beyer erbauten, expressionistisch anmutenden Häusern eine große Grünfläche, die ursprünglich ein tiefer gelegter Staudengarten war. Bedauerlicherweise ist von dieser bewusst auf den Landschaftraum ausgerichteten Planung nichts mehr zu spüren. Nach dem Krieg wurden die in Teilen zerstörten Häuser wieder aufgebaut und eine dem Geschmack der 1950er Jahre entsprechende Grünfläche angelegt.

Wir bewunderten die nach dem Krieg mit Trümmerschutt angelegte kleine Insel im Norden des Sees, die gerade im Vorfrühling sehr romantisch wirkte, und bogen nach Norden in den breiten grünen Weg zwischen den Kleingärten ein. Hier befanden sich die großen Eisteiche der Fabriken Mudrack und Thater, die sich bis zur Emmentaler Straße im Norden und der Aroser Allee erstreckten. Als man die Eisgewinnung aufgab, entstand hier die Kleingartenkolonie Mariabrunn. Von den Eisfabriken gibt es noch einige Mauerreste, Teile eines Fabikgebäudes sowie einen halben Schornstein, die links des Weges liegen. Westlich, an der Mudrackzeile, befindet sich ein Wohnprojekt des Eisfabrikanten Wilhelm Rohrbeck. Es besteht aus vier Wohnzeilen, die von 1930-32 errichtet wurden. Die geplante Wohnanlage sollte mit 870 Wohnungen viel größer werden und auch ein Hallenbad umfassen, das mit dem aus der Eisproduktion abfallenden Warmwasser gespeist werden sollte. Wegen der Wirtschaftskrise konnte aber nur dieser erste Bauabschnitt realisiert werden. Bemerkenswert sind die Fassadengestaltung der Eingangsbereiche sowie die Bärenskulptur im Hof.

Unser nächster Haltepunkt war der ehemalige Industriehof der AEG, Aroser Allee,  Ecke Holländerstraße. Dort wurden damals Lehrlinge ausgebildet. Schade, dass Herr Grühn, der dort gelernt hatte, nicht dabei war, er hätte uns bestimmt viel erzählen können. Ursprünglich handelte es sich um die 1908 erbaute Luxuspapierfabrik Albrecht & Meister. Sie wurde in den 1920er Jahren von der AEG übernommen und nach und nach erweitert. Dass der Industriehof damals vorbildlich mit Büro- und Werksräumen sowie mit Kraftanlage, Kesselhaus, Werkstätten und Kantine bebaut war, ist leider heute nicht mehr nachvollziehbar. Etwa die Hälfte wurde zugunsten moderner Büroräume und eines Hotels abgerissen. Erhalten sind die Bürofront an der Aroser Allee und das Kesselhaus mit dem Schornstein, das als Restaurant ausgebaut wurde. Die Umwandlung in eine Dienstleistungsnutzung scheint zu einer Aufwertung der Umgebung beizutragen. Wenn dann auch noch der Flughafen Tegel geschlossen ist, wird man in dem Hotel sehr gut schlafen können.

In der Rütlistraße führte uns Frau Schiemann in einen Hof, wo noch die Remisen erhalten sind. Heute sind es Garagen. Sie aber hat es noch erlebt, dass hier Hühner und Kühe gehalten wurden. In einem der kleinen Hofgebäude konnte man Eier, Milch und Käse kaufen.

Hier überfiel uns ein schwerer Hagelsturm. Wir konnten unsere Schirme kaum festhalten. So passierten wir schnell den südlichen Weg am Schäfersee, warfen noch einen Blick auf die Galerie der Bäume des Jahres und steuerten das Café am See an. Ein wunderbar gedeckter Tisch wartete auf uns, und wir wärmten uns bei Kaffee und Kuchen wieder auf. Welche Freude, dass Frau Rusch trotz ihres schmerzhaften Knies auch noch dazu kam. Herr Schlickeiser überraschte uns mit historischen Fotos, auch aus seiner Jugendzeit am Schäfersee. Und dann kam die Sonne wieder heraus.

Besuch im Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung

Donnerstag, 22. März 2012

Dank eines Hinweises von Silke Schlichting fanden sich einige aus unserer Gruppe am Donnerstag nachmittag in einer Moschee wieder. Wir folgten einer Einladung, die Ausstellung „Weltreligionen-Weltfrieden-Weltethos“ der Stiftung Weltethos zu besuchen, uns einen Film über das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen anzusehen und an der anschließenden Podiumsdikussion teilzunehmen. Spannend war schon der Standort: eine Moschee im fünften Stock eines Gewerbegebäudes mitten im unwirtlichen Weddinger Gewerbegebiet zwischen Drontheimer und Tromsöer Straße. Nach Verlassen des Aufzugs mussten wir die Schuhe ausziehen. Dann konnten wir in der Moschee Platz nehmen, einem großen Raum, der mit einem hellgrünen und arabisch gemusterten Teppich ausgeschlagen ist. Rechts beteten die Männer, links einige Frauen. Die Ausstellung befand sich in einem anderen Raum. Jede Tafel war von einer bedeutendenen Welt-Religion belegt, die in ihren wichtigsten Grundzügen dargestellt wurde. So erfuhren wir etwas über den Islam, den Hinduismus, den Buddhismus, das Christentum, das Judentum und die Chinesische Religion. Hinter der Ausstellung steht die These, dass ohne Friede zwischen den Religionen auch kein Friede zwischen den Nationen bestehen kann. Gleichzeitig wird gezeigt, dass grundlegende ethische Standards allen Religionen gemeinsam sind. Darin steckt ein Grundprinzip der Humanität, welches alle Menschen verbindet. Insofern können die Weltreligionen zum (Welt-)Frieden beitragen.

Der Film erzählt über die positive Wende nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen im Nigeria der 1990er Jahre. Ein Imam und ein Pfarrer kamen zu Vernunft, schlossen eine Partnerschaft und wurden zum Vorbild für verfeindete Gruppen. Ihnen gelang es, Misstrauen, Hass Ängste und Verletztheit trotz der Verschiedenheit kultureller und religiöser Werte zu überwinden und zu gemeinsamen Positionen zu finden. Heute leiten sie gemeinsam ein Mediationszentrum.

Nach der Podiumsdikussion, die wie im Film von einem Imam und einem Pastor geführt wurde, gab es noch einen Imbiss für alle Teilnehmer, bei dem die Gastfreundschaft spürbar wurde.

Programm 2012

Seit 2011 erkunden Senioren, aber auch jüngere Nachbarn den Lettekiez. Sie besuchen Betriebe, Kirche und Kindergärten, machen Stadtspaziergänge, laden Gäste zum Erzählen ein oder berichten selbst über ihre Erfahrungen aus ihrem Leben und im Kiez – selbstverständlich im gemütlichen Rahmen bei Kaffee und Keksen. In diesem Jahr geht es weiter. Die Mitglieder des Projekts würden sich sehr über Zuwachs freuen.

Die Projektinhalte werden gemeinsam festgelegt. Die Gruppe trifft sich in der Regel jeden 2. Dienstag/ Monat von 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51.

Alle Nachbarn und ihre Freunde sind herzlich eingeladen!
Folgende Termine wurden festgelegt (Änderungen vorbehalten):

Dienstag, 16. März         Vorbereitungstreffen

Donnerstag, 22. März         Ausstellungsbesuch und Film: Weltfrieden

Samstag, 31. März         14 Uhr, Stadtpaziergang (Schäfersee)

Dienstag, 24. April         Erzählcafé / Geschichte der Badstraße/ Wedding

Dienstag, 15. Mai         Kiezhistoriker(Besuch ehem.Luisenbad/ Wedding)

Freitag, 1. Juni           Lettefest / Kiezrätsel

Dienstag, 12. Juni         Erzählcafé / Geschichte Alt-Reinickendorf

Samstag, 30. Juni         14 Uhr, Stadtspaziergang (Alt-Reinickendorf)

Dienstag, 10. Juli         Kiezhistoriker (Besuch einer Einrichtung o. ä.)

Dienstag, 7. August         Erzählcafé

Samstag, 25. August         14 Uhr, Stadtspaziergang

Dienstag, 11. Sept.         Kiezhistoriker (Besuch einer Einrichtung o. ä.)

Dienstag, 9. Oktober         Erzählcafé

Dienstag, 13. Nov.         Kiezhistoriker (Besuch einer Einrichtung o. ä.)

Abschlusssitzung         wird noch bekanntgegeben

Vorbereitungstreffen am 16. März 2012

Die Kerngruppe ist komplett zum Vorbereitungstreffen in das Kinderzentrum erschienen. Silke Schlichting hat uns zum Auftakt des neuen Jahres begrüßt, und wir begannen, unsere Wünsche für unser Programm zusammenzustellen. Manche wollten sich der Hausotter- und der Schäfersee-Schule widmen, andere wünschten sich einen Besuch im Seniorenheim Stargardtstraße oder im neuen Gemeindehaus der Evangeliumskirchengemeinde. Für die Stadtpaziergänge wurden die Bereiche an der nördlichen Provinzstraße und um das Luisenbad im Wedding vorgeschlagen, dann fiel uns noch der alte Dorfkern Reinickendorf ein. Für den nächsten Stadtpaziergang am 31. März wollten wir uns den Bereich um den Schäfersee vornehmen. Damit war schon mal eine Entscheidung gefällt.

Als Silke Schlichting intervenierte und für das Erzählcafé vorschlug, sich mit „Konvertiten“ auseinanderzusetzen und Menschen einzuladen, die zum Beispiel vom Christentum zum Islam übergetreten sind, begann eine hitzige Diskussion. Viele Vorurteile wurden bedient. Ich muss gestehen, dass ich als Projektleiterin Schwierigkeiten hatte, die Diskussion zu lenken. Was wollen wir denn eigentlich? Das war die richtige Frage, um wieder Klarheit zu gewinnen. Wir wollen ein friedliches Miteinander in Wohngebieten, in denen die verschiedensten Nationalitäten auf engem Raum zusammenleben. Welchen Beitrag können wir dazu leisten? Wir sollten uns zunächst informieren und Menschen anderer Religionen oder Kulturkreise kennenlernen. Es geht um Toleranz. Was bedeutet uns die Religion des eigenen Kulturkreises? Wer ist noch Mitglied der Kirche? Die Diskussion ließ durchscheinen, dass selbst in unserer Gruppe keine homogene Auffassung von der für uns „zuständigen“ Religion, dem Christentum, besteht. Deshalb kamen wir zu dem Schluss, dass es gut ist, mehr zu wissen und sich mit diesen Fragen intensiver auseinanderzusetzen. Wir baten Silke Schlichting, für uns einen Kontakt zu knüpfen.