KiezHistoriker

Wir machen weiter!

“Der Lettekiez gestern und heute”: Mitstreiter gesucht!

Kiezhistoriker und Erzählcafé: Wir machen weiter mit unseren Kiezerkundungen und Stadtspaziergängen!

Seit 2011 erkunden Senioren, aber auch jüngere Nachbarn den Lettekiez. Sie besuchen Betriebe, Kirche und Kindergärten, machen Stadtspaziergänge, laden Gäste zum Erzählen ein oder berichten selbst über ihre Erfahrungen aus ihrem Leben und im Kiez – selbstverständlich im gemütlichen Rahmen bei Kaffee und Keksen. In diesem Jahr wird es weitergehen. Die Mitglieder des Projekts würden sich sehr über Zuwachs freuen.

Sie sind herzlich eingeladen!

Die Gruppe trifft sich jeden 2. Dienstag/ Monat von 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51. Am ersten Termin dieses Jahres werden wir gemeinsam das Programm aufstellen. Er findet statt am

  • Dienstag, dem 13. März 2012, 16 Uhr im Kinderzentrum.

Unseren nächsten Stadtspaziergang veranstalten wir am

  • Samstag, dem 31. März 2012, 14 Uhr, Treffpunkt vor dem Kinderzentrum

Bericht vom 3. Kiezspaziergang am Samstag, dem 8. Oktober 2011

Mit dem Wetter hatten wir Glück: Es war zwar kühl und windig, aber der vorhergesagte Regen kam nicht. Alle Kiezhistoriker versammelten sich pünktlich beim Kinderzentrum. Wir wollten die nordöstliche Ecke des Lettekiezes erkunden.

Die gewachsene Siedlungsstruktur des Lettekiezes kann man allein an der Pankower Allee ablesen. Es gibt noch einige Häuser aus der vorstädtischen Phase um 1870: zweigeschossige Wohnhäuser mit kleinen gewerblich genutzten Gebäuden in der Tiefe der Grundstücke, wie die Nummern 9 oder 13-15. Auf dem letztgenannten Grundstück befindet sich noch heute eine Fischräucherei. Prägend aus dieser Zeit sind jedoch die Gebäude der „Großen Lettekolonie“, die zusammen mit der „Kleinen Lettekolonie“ an der Reginhardstraße die erste geplante Siedlung darstellen. Leider hat der Krieg viele Häuser zerstört, der Rest ist durch bauliche Eingriffe verändert worden. In der Pankower Allee 38-40 gibt es noch ein gut erhaltenes Beispiel, ein Doppelwohnhaus mit Rundbogenfenstern im Obergeschoss. Der Erbauer dieser Siedlung war Heinrich Quistorp mit seiner „Westend-Gesellschaft“, der die Letteallee anlegte, das Terrain parzellierte und zwei Reihen dieser Doppelwohnhäuser mit Ställen und Gartenland errichten ließ. An der Pankower Alle finden sich auch Beispiele für den spekulativen Mietwohnungsbau um die Jahrhundertwende, wie  Nr. 45, Ecke Kühleweinstraße. Die in der Weimarer Zeit errichteten Gebäude sind großfigurige Randbebauungen. Die Baublöcke wurden nicht mehr parzellenweise verkauft und bebaut, sondern als Großformen errichtet. Das Kriterium: „Licht, Luft und Sonne“ bestimmte den Städtebau. Es entstanden zwar kleine, immer gleiche, aber hygienisch einwandfreie Wohnungen für breite Schichten der Bevölkerung. Trotzdem waren die Wohnungen damals für manche Arbeiter noch zu teuer. Dieser Wohnungsbau überwiegt im Lettekiez. Bei unserem Rundgang  haben wir uns die Häuser verschiedener Gesellschaften angesehen: DeGeWo, BVG-Heimstätten, Eintracht, Grundstücks-Verwaltungsgesellschaft Epensteinplatz. Alle weisen große, ruhige Innenhofe oder begrünte Wohnstraßen auf. Frau Rusch (86 Jahre) zeigte uns in der Gedonstraße die Wohnung, in der sie als Kind gewohnt hat. Als wir den nahegelegenen Letteplatz besichtigten und den ehemaligen Bunker erwähnten, der dort gestanden hat, sagte sie: „Nie kam mir der Weg von meiner Wohnung bis zum Bunker so lang vor wie in den Bombennächten, als wir dort Schutz suchen mussten“.

Wir haben uns das ehemalige Straßenbahndepot angesehen, liefen bis zum Hausotterplatz um den Baufortschritte des Evangeliums-Gemeindehauses zur Kenntnis zu nehmen, warfen einen Blick zur Bäckerei Modrow und zur ehemaligen Schnapsfabrik, diskutierten über die Situation am Epensteinplatz und wanderten dann auf der Letteallee vorbei an attraktiven Mietshäusern und am künftigen Familienzentrum bis zum Quartiersladen an der Mickestraße. Dort ließen wir alles noch einmal bei Kaffee und Keksen Revue passieren.

Die KiezHistoriker bei Kryolan (4.Treffen)

Bericht vom Besuch der Kiezhistoriker beim Kosmetikhersteller Kryolan, Papierstraße 10, am 23. August 2011

Der Seniorchef Herr Langer empfing uns sehr freundlich, stellte uns im Büro seine Mitarbeiterinnen vor und führte uns ins Besprechungszimmer. Er berichtet: Kryolan ist ein Familienbetrieb. Er selbst ist 90 Jahre alt; seine Frau, sein Sohn (Wirtschaftsfachmann) und seine Enkelkinder sind im Betrieb integriert. Vor 65 Jahren wurde der Betrieb KRYOLAN gegründet, Hersteller von professionellem Make-up für Theater, Film und Fernsehen – weltweit. Mehr als 240 Mitarbeiter in Berlin und Zehlendorf sowie den internationalen Standorten in Polen, England, USA, Indien und Bangladesch engagieren sich für die Marke KRYOLAN Professional Make-up. Der Vorteil dieses Betriebs ist, dass er flexibel auf Anfragen reagieren kann. So können Make-ups nur für einen bestimmten Film oder eine Theateraufführung hergestellt werden. In den eigenen Labors arbeiten die Chemiker kontinuierlich an der Entwicklung neuer Produkte sowie an den Einsatzmöglichkeiten innovativer, hautpflegender Rohstoffe. Der Stammsitz in der Papierstraße verfügt über 5 000 Quadratmeter Fläche und wird laufend ausgebaut.

Herr Langer hatte während des Krieges sein Chemie-Studium abgeschlossen. Damals war er damit beschäftigt, Theaterschminke so zu verändern, dass sie auch für die aufkommenden Farbfilme eingesetzt werden kann. Nach dem Krieg machte er sich mit einem Partner selbstständig. Aus den beiden Namen, Krause und Langer, bildeten sie die Firmenbezeichnung KRYOLAN. Sie eröffneten eine kleine Fabrik in der Provinzstraße 49. Berlin war geteilt, und im Osten befanden sich die großen Opern und Theater, im Westen war die Kundschaft eher klein. Aufgrund der vielen Anfragen der Staatsoper beschloss man, auch in Ost-Berlin eine Firma (COLORA) zu gründen. Das funktionierte bis zum Mauerbau 1961. 1962 konnte Langer die Konkurrenz, die Hamburger Kosmetik-Marke Brändel aufkaufen. Als die alte Fabrik zu klein war, beschloss Langer, eine eigene Fabrik zu bauen. 1971 fand er in der Papierstraße das geeignete Grundstück. Außerdem gibt es seit 1998 in Zehlendorf bei Berlin-Oranienburg eine große Lagerhalle für 1 000 Europaletten. In Berlin sind 130, in Zehlendorf 15  Mitarbeiter beschäftigt. Die Firma bildet aus zum Bürokaufmann, Lagerverwalter und Chemiefacharbeiter.

Anfang der 1970er Jahre wurden erste Kontakte zu den USA geknüpft und 1976 die erste Auslandstochter in Van Nuys, Kalifornien, gegründet. Die „Dermacolor“-Präparate zur Abdeckung von Hautanomalien wurden entwickelt. Bis 1981 wuchs der Exportanteil auf 60 Prozent, Südafrika und Südamerika wurden „erobert“. Seit 1982 werden regelmäßig in Berlin und anderen europäischen Städten Maskenbildnerseminare veranstaltet. In den 1980er Jahren kamen als neue Märkte Australien, Neuseeland und Asien dazu. 1987 baute KRYOLAN in San Francisco einen eigenen Firmensitz. In den 1990er Jahren gesellten sich die Tochterfirmen in London und Polen hinzu. KRYOLAN-Theaterschminken werden seitdem auf 5 Kontinenten vertrieben. Die weitere Entwicklung von KRYOLAN ist durch die Ausweitung des Produktionsprogramms auf den Gebieten der Camouflage und Dekorativen Kosmetik gekennzeichnet.

Anschließend hatten wir das Vergnügen, den Junior-Chef Wolfram Langer kennenzulernen, der uns über die Arbeit mit den ausländischen Filialen berichtete. Frau Pfeifer vom Außendienst erläuterte uns den Arbeitsbereich des eigenen Geschäfts in Hamburg, wo viele individuelle Wünsche der Maskenbildner erfüllt werden müssen.

Fasziniert von dieser internationalen Firma, ihrer spannenden Produktpalette und dem Organisationstalent der Chefs verabschiedeten wir uns. Keiner von uns hatte vorher eine Ahnung, dass sich in dieser kleinen Straße und hinter dieser eher unscheinbaren Fassade ein solches Unternehmen verbirgt.

Ankündigung: 4. KiezHistoriker

Die KiezHistoriker besuchen den alteingesessenen Kosmetik-Betrieb Kryolan

Am Dienstag, dem 23. August 2011, 16 Uhr,
treffen sich deshalb die KiezHistoriker in der Papierstraße 10.
Alle Nachbarn sind herzlich eingeladen.

Wie Herr Grühn Briefmarkensammler wurde…

1957 war Herr Grühn Lehrling bei der AEG. Die Ausbildungsstelle lag in der Holländerstraße. Zwei Stockwerke dieses großen Hauses waren nur für die Lehrlingsausbildung reserviert. Im Hof lagen die Werkstätten, in der Mitte befanden sich die Schmiede und der alte Schlot. Heute ist alles abgerissen und neu bebaut, bis auf die Schmiede und den Schornstein, weil sie unter Denkmalschutz stehen. Grühn hatte sich an einer Maschine verletzt und sich fast die Fingerkuppe abgeschnitten. Die Betriebs-Krankenschwester leistete erste Hilfe, rief dann ein Fahrzeug und schickte damit den Patienten zum Unfallarzt in die Badstraße. Im Wartezimmer färbte sich der Verband trotz dicker Verpackung rot. Die Wunde hörte nicht auf zu bluten. Ein wartender Patient starrte unablässig auf die verbundene Hand. Plötzlich wurde sein Gesicht grün, er würgte und verließ eilig den Raum… Später hat der Arzt Grühns Fingerkuppe angenäht. In den darauf folgenden Wochen musste Grühn den Unfallarzt noch mehrmals aufsuchen. Er wohnte bei seinen Eltern in Wittenau. Zur Badstraße hätte er die Straßenbahn 68 nehmen und in die 41 umsteigen müssen. Da er geizig war und die 60 Pfennig sparen wollte, die Hin- und Rückfahrt gekostet hätten und die er von der AOK bekam, ging er zu Fuß. An der Residenzstraße lag ein Backsteingebäude aus den 1920er Jahren mit einem winzigen Briefmarkengeschäft. Herr Riess, Besitzer des Ladens, war ein kleiner schlanker Mann mit welligem Haar. Er hatte neben dem Laden einen großen Schaukasten angebracht, den er mit Briefmarken aus aller Welt bestückte. In dem winzigen Schaufenster lagen Pinzetten, Kataloge und Einsteckbücher. Als Grühn die Auslagen bewunderte, fiel ihm ein, dass er selbst einige Briefmarken aus Berlin und aus der Bundesrepublik Deutschland aufbewahrt hatte. Dann ist Grühn in den Laden eingetreten und fragte nach einem Katalog. Den gab es damals nur in schwarz-weiß.

Jetzt intervenierte Herr Schlickeiser. Es war ihm wichtig, genau zu erklären, wie unmittelbar nach dem Krieg das Postwesen in Berlin funktioniert hat. Als 1945 die Russen einmarschiert sind, haben sie die Reichspost für aufgelöst erklärt und eine Berliner Magistratspost eingerichtet. Die damals herausgegebenen Briefmarken nannten sich „Bärenserie“. Es gab sogar einen Stadtrat für das Post-und Fernemeldewesen. Dann teilten die Alliierten Berlin und Deutschland in vier Teile, und die Russen, die Amerikaner und Engländer sowie die Franzosen hatten ihre eigene Postverwaltung und teilweise eigene Briefmarken. Die Magistratspost bestand weiter. Nach der Währungsreform der westlichen Alliierten wurde eine neue Briefmarkenserie („Arbeiterserie“) herausgegeben, die in Berlin einen schwarzen Aufdruck (BERLIN) erhielten. Die Berliner verfügten sowohl über Ost- als auch Westgeld (bei den Löhnen max. 25 Prozent). Man konnte die Briefmarken in unterschiedlichen Postämtern für Ost- oder Westgeld erstehen. Das Ostgeld war aber weniger wert, und so konnten findige Berliner die Situation für sich ausnutzen. Es gab also bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949 ein ziemliches Durcheinander, was man heute noch an alten Briefmarken nachvollziehen kann. Bis zur Wende 1990 unterschieden sich noch die Briefmarken von West-Berlin und der Bundesrepublik durch die Aufdrucke „Deutsche Bundespost“ bzw. „Deutsche Bundespost Berlin“, weil Berlin (West) kein Bundesland der Bundesrepublik war.

Herr Grühn zeigte uns einige Exemplare und erzählte weiter, dass er von seinem Lehrlings-Monatslohn in Höhe von 50 DM im Postamt Goethestraße den ersten Grundstock an Briefmarken erstand. Der Postbeamte hinter dem Schalter hatte den Auftrag sehr ernst genommen und jede Briefmarke genauestens inspiziert und nur mit der Pinzette berührt. Das dauerte, und die Schlange hinter Grühn wuchs an. Aber der Postbeamte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Im Lauf unserer Zusammenkunft erfuhren wir viele Details aus dem Sammleralltag, zum Beispiel, dass die modernen Briefmarkenalben mit farbigen Vordrucken ausgestattet und sehr teuer sind, was es mit den Stempeln auf sich hat, wie die Zahnung beschaffen ist und dass Selbstklebe-Marken Sammlern weniger Freude machen. Natürlich wollten wir noch etwas über die berühmten Marken wie die Blaue Mauritius und den Schwarzen Einser hören. Auch Kuriositäten wie die nur in wenigen Exemplaren erschienene Audrey-Hepburn-Marke wurden erwähnt. Herr Grühn war Spezialist für Marken aus Deutschland. Als nach den 1980er Jahren der Sammlerwert für diese Marken fiel, verkaufte er sie nach und nach für recht ansehnliche Summen. Schließlich resümierte er: Das Sammeln von Briefmarken bildet. Man lernt wichtige Persönlichkeiten, Orte und Bauwerke kennen und durch die besonderen Ereignisse auch die Weltgeschichte. Das bestätigte Herr Schlickeiser: In seiner Jugend konnten Briefmarken ein Ersatz für Erdkunde- und Geschichtsbücher sein, die es nach dem Krieg in den Schulen noch nicht gab.

Besuch des ehemaligen Klosters “Zum Guten Hirten”

Diesmal sind wir schon immerhin 12 Kiezhistoriker, die sich an der Residenzstraße 90 vor den Gebäuden der Caritas versammelt haben – die Gruppe wächst.

unsere Gruppe

Bis 1983 residierten an diesem Ort die katholischen Schwestern zum Guten Hirten, dann übernahm die Caritas den Gebäudekomplex, um im ähnlichen Sinn wie die Schwestern eine christliche Sozialarbeit zu machen. Herr Andreas Schmidt, Mitarbeiter im Rektorat des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin e.V., empfing uns sehr freundlich. Er führte uns erst in die leider nicht mehr als Gotteshaus nutzbare Kapelle. Die alte Klosterkirche aus den 1890er Jahren war im Krieg zerstört worden. In den 1960er Jahren entstand dann diese Kapelle in moderner, schlichter Architektur, die in den 1980er Jahren durch den U-Bahn-Bau in ihrer Standfestigkeit erschüttert wurde, so dass sie nicht mehr als Kirchenraum genutzt werden durfte. Nun dient sie als Lagerraum für die Haushandwerker. An den farbigen Glasfenstern erkennt man, dass es eigentlich ein sakraler Raum ist.

Dann zeigte uns Herr Schmidt die Sozialstation, die für einen großen Umkreis die ambulanten Pflegedienste organisiert. Auch in das „Callcenter“ durften wir blicken, das überregional Tag und Nacht Pflegedienste vermittelt. Dann lernten wir die Innenräume des roten, im Stil der Gotik ausgeführten Backsteinbaus kennen. Die Räume sind einladend, hell und freundlich, aber nicht luxuriös eingerichtet. Wir durften in einem Versammlungsraum Platz nehmen und uns bei einem Kaffee kurz erholen. Herr Schmidt erklärte uns dabei die „Mentalität des Anwesens“ unter den wesentlichen Aspekten: katholische Soziallehre, Ordensgeschichte und Leitbilder der Caritas. Die Ordensschwestern kümmerten sich in der schwierigen Zeit des stürmischen Stadtwachstums Ende des 19. Jahrhunderts um gefährdete junge Mädchen. Sie bildeten sie in einer Hauswirtschaftsschule als Wäscherin oder Plätterin aus, so dass sie damit sich selbst unterhalten konnten. Anschließend wurden wir im Seniorenheim erwartet, wo uns die Leiterin ihr Konzept darlegte. Es wird alles dafür getan, dass sich die Menschen dort wohlfühlen. Angesichts des lauschigen grünen Innenhofs und der liebvollen Art der Leiterin kam auch gar kein Zweifel auf. Die Bewohner werden in den Betrieb einbezogen, indem sie sich an bestimmten Aufgaben beteiligen können. Wir durften sogar die Räume besichtigen und konnten uns überzeugen, dass man dort einen würdigen und entspannten Lebensabend verbringen kann. Beim anschließenden Rundgang über das üppig bewachsene Gelände konnten wir noch Spuren aus der Klosterzeit entdecken: Die Schwestern bewirtschafteten hier einen riesigen Obst- und Gemüsegarten und wir fanden noch einige alte Obstbäume. Heute dient das Gelände den Kindern und Jugendlichen, die dort in Wohngemeinschaften gemeinsam leben und unterschiedlich intensiv betreut werden. Die alten landwirtschaftlichen Gebäude sind als Werkstätten oder Lagerräume umgebaut worden. Früher gab es auch Schweineställe, sehr praktisch neben der großen Küche angeordnet. Die Küche dient jetzt als Kleiderkammer, wo sich Bedürftige bedienen können. Das riesige Gelände ist mit historischen und modernen Gebäuden bebaut.

Niemand aus der Gruppe hatte genau gewusst, was sich dort alles verbirgt. Der Blick hinter die Kulissen hat nicht nur neue, beeindruckende Erkenntnisse gebracht, sondern auch die Einsicht, dass es sich lohnen kann, einfach mal eine Tür zu öffnen und hineinzusehen.

Die Kiezhistoriker vom Quartiermanagement Letteplatz bedanken sich herzlich bei Herrn Andreas Schmitz für den anregenden und informativen Nachmittag.

Ankündigung: 3. Kiezhistoriker

Am 14.06.2011 besuchen die KiezHistoriker das ehemalige Kloster “Zum Guten Hirten” an der Residenzstarße 90–91 (heute Caritas). Wir treffen uns dieses Mal vor Ort, um 16 Uhr.

Bericht: 2. Treffen KiezHistoriker

Beim 2. Treffen der Kiezhistoriker am 24. Mai haben wir das Gardinenhaus Rybicki besucht. Frau und Herr Rybicki, Besitzer seit 1973, haben uns sehr freundlich empfangen, uns kostbare Gardinen und Vorhangstoffe gezeigt, in den Werkstattraum geführt, wo die Gardinen genäht und gebügelt werden, und uns viele Geschichten aus früheren Zeiten erzählt. Das Gardinenhaus hat anspruchsvolle Kunden in ganz Berlin. Durch die sozialen Veränderungen würde die gute Kundschaft im Kiez abnehmen und das allgemeine Niveau sinken, meint der Hausherr. So hätten viele Fachgeschäfte schließen müssen.
Trotzdem haben die Rybickis noch Spaß an ihrem Geschäft, sind stolz auf ihre Waren hoher Qualität und wünschen sich, dass sich an der Residenzstraße wieder Fachgeschäfte niederlassen.

Bericht: 2. Stadtspaziergang

Mit dem zweiten Stadtspaziergang wollten wir den südlichen Teil der Residenzstraße abhaken. Fast die ganze Gruppe der Kiezhistoriker erschien pünktlich zum Treffpunkt auf dem Franz-Neumann-Platz. Nachdem wir die herrschaftlichen Fassaden der beiden großen Mietshäuser Markstraße 3 und 4 bewundert haben und uns vorstellten, wie es wohl vor dem Krieg ohne die beidseitig angrenzenden Neubauten ausgesehen hat, wandten wir uns Richtung Süden. Die etwas unwirtliche Bebauung an der Holländerstraße, auf die wir jetzt schauten, sei schon immer so gewesen, betonte einer der alteingesessenen Bewohner. Auch das Eckhaus sei nie höher gewesen.

Hinter der angrenzenden, eingeschossigen Fassade, Residenzstraße 55, sollen sich angeblich Rocker, die „Hells Angels“, aufhalten. Gerade als wir darüber sprachen, öffnete sich das Tor, und wir konnten einen Blick in das Innere auf die Wandgemälde werfen. Wenig später versammelten sich die Rocker auf ihren schweren Motorrädern. Mit ihren muskulösen, tätowierten Körpern und den ledernen Vereinswesten wirkten sie befremdlich, und wir waren froh, die gegenüberliegende Straßenseite gewählt zu haben.

Von dort aus betrachteten wir die Häuser Residenzstraße 56 bis 61. An diesen in Höhe und Ausstattung ganz unterschiedlichen Fassaden lassen sich wunderbar die Phasen der Stadtentwicklung ablesen. Die Häuser Nr. 56, 59 und zum Teil Nr. 61 stehen mit ihrer Zweigeschossigkeit und dem klassizistischen Fassadendekor für die erste, vorstädtische Phase der 1870er Jahre. Das dreigeschossige Haus Nr. 60 dokumentiert die Phase um 1880, und die viergeschossigen Gebäude Residenzstraße 57 und 58 beschreiben den Wandel zum städtischen Mietshaus nach der Jahrhundertwende. Wir warfen einen Blick in die Hinterhöfe, die früher für das Kleingewerbe genutzt wurden, und waren erstaunt, wie stark noch der ländliche Einfluss zu spüren ist. Die wenigen Schritte durch die Hausdurchfahrt ließen uns in eine völlig andere Welt eintreten; mit den alten Werkstattgebäuden und Remisen ist sie nahezu idyllisch. Und die Höfe sind gepflegt, oft grünt und blüht es üppig, und es gibt noch alte Obstbäume. Viele aus unserer Gruppe haben gestaunt: obwohl sie hier im Kiez wohnen, haben sie doch noch nicht hinter jede Tür geschaut. Der Eigentümer des Hauses Residenzstraße 58 mit der interessanten, neugotischen Stuckfassade hatte vor Jahren versucht, in seiner Remise ein Kunstprojekt zu etablieren. Das hatte er wohl nicht lange durchhalten können. Jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Eigentlich schade…

Weiter ging´s zum gewerblich genutzten Teil des Blockes. Durch Herrn Schlickeisers Forschungen erfahren wir, dass sich hier, an der Residenzstraße 62, Ende des 19. Jahrhunderts ein Gartenlokal mit Festsaal befand: „Meinkes Festsäle“. Davon gibt es noch eine alte Ansichtskarte. 1906 erwarb der Berliner Fabrikbesitzer Albert Laue das Grundstück. Bald darauf kaufte er noch zahlreiche Nachbargrundstücke hinzu, so dass er bald den halben Block besaß, wo er seine „Zink-, Kupfer- und Messingplattenfabrik“ ausbaute. Die „Metallwerke A. Laue & Co.“ verblieben bis Mitte der 1950er Jahre an diesem Standort, danach zogen sie nach Borsigwalde. Heute besteht das Gelände aus ganz unterschiedlichen Werkstätten und Gewerbegebäuden. Markant ist das viergeschossige Backstein-Fabrikgebäude aus dem Jahr 1905, in dem seit 1955 das Bestattungsunternehmen Otto Berg residiert, das eine eigene Feierhalle besitzt.

Wir passierten das Reichelt-Grundstück mit dem großen Parkplatz, erfuhren, dass hier eigentlich der verlängerte Ritterlandweg durchgeführt werden sollte, streiften die ruhige Wohnsiedlung der Gagfah am Haßlinger Weg aus den 1930er Jahren und besichtigten etwas ausführlicher die Wohnsiedlung an der Ecke Markstraße, die 1941 vom Architekten Ernst Rosswog geplant und gebaut wurde. Die Architektur mit Satteldach und kantigen Hauslauben entspricht dem bodenständigen Stil der Nazizeit. Alle Wohnungen haben Balkone, und die Wohnlage ist sehr ruhig. In dem erhöhten, sechsgeschossigen Eckbau an der Markstraße befand sich in den 1950er Jahren ein kleines Kino, die „Filmeck-Lichtspiele“, an das sich noch einige aus der Gruppe erinnern können. Herr Schlickeiser hat sogar noch Eintrittskarten aufgehoben.

Für den Rückweg wählten wir die Ostseite der Residenzstraße und besichtigen noch die sehr schön renovierte Wohnanlage, die die Architekten H.I. und St. von Zamojski 1927-28 errichtet hatten, ein interessantes Beispiel des fortschrittlichen Wohnungsbaus in der Weimarer Republik. In dem kleinen Laden neben der Durchfahrt befand sich bis zu den 1960er Jahren die Briefmarkenhandlung Walter Ries. Herr Grühn erinnert sich noch, dass er als Junge auf einem langen Fußweg zum Arzt hier vorbeikam, die Briefmarken bewunderte und schließlich selbst zum Sammler wurde.

Anhand einer alten Karte rekonstruierten wir die kleinteilige Baustruktur vor dieser Zeit: einzelne Büdner-, Gartenhäuser und Werkstätten wechselten sich ab. Dort, wo heute das Altersheim steht, an der Residenzstraße 101, befand sich seit 1934 in einem umgebauten Schuppen ein Betsaal der „Evangelisch-Lutherischen Freikirche“, der im Krieg zerstört wurde. 1949 wurde er notdürftig durch eine kleine Holzkiche ersetzt. Als die Gemeinde mit einer anderen freikirchlichen Gemeinde fusionierte, wurden Neubaupläne für eine Kirche ad acta gelegt, die Holzkirche 1970 abgetragen und das Grundstück verkauft.

Die Vorstellung, uns endlich bei Kaffee und Keksen im Quartiersbüro auszuruhen, beschleunigte unsere Schritte. Wir bogen in die Letteallee ein, um schnurstracks den Eckladen an der Mickestraße anzusteuern. Am gerade eingeweihten Letteplatz mussten wir jedoch kurz halten, denn der Anblick der vielen spielenden Kinder und in der Sonne faulenzenden Erwachsenen erfreute uns besonders.

Alte Stadtansichten. Veränderung des Kiezes.