KiezErzählcafé

Rabauke e.V. und das Sozialkaufhaus

Erzählcafé mit Sascha Mitschke am 14. 5. 2013

Sascha Mitschke hat trotz seiner vielen ehrenamtlichen Verpflichtungen Zeit für uns und berichtet über sein Engagement im Kiez. Er ist in Reinickendorf-Ost geboren und aufgewachsen und durch seine Aktivitäten eng mit dem Kiez und seinen Bewohnern verbunden. Diese begannen mit seiner Vaterschaft. Als seine Tochter im Kindergarten war, engagierte er sich als Elternvertreter im Vorstand des Bezirkseltern- und im Landeselternausschuss. Als sie dann in die Schule kam, merkten er und einige andere Eltern, dass für die Kinder mehr getan werden muss. Sie gründeten 2007 den Verein Rabauke e.V., um Familien Unterstützung im familiären Zusammenleben gewährleisten zu können. Ein Hauptprojekt ist die alljährliche, vier Tage dauernde Kinderfreizeit. Aus einer Kinderolympiade entwickelte sich das Mittelalterspektakel, das in Kooperation mit dem „Haus am See“ seit mehreren Jahren stattfindet und an dem bis zu 30 Kinder im Grundschulalter und 10 Betreuer teilnehmen. Dort lernen die Kinder alles über Ritter und das mittelalterliche Leben. Betreuer und Kinder laufen als Ritter und Burgfräulein verkleidet herum; die Kinder lernen Kerzenziehen, Bogenschießen und wie andere historische Waffen eingesetzt werden. Ein Schmied führt sein Handwerk vor. Natürlich darf auch eine Nachtwanderung nicht fehlen. Alle schlafen in Zelten, versorgen sich gemeinsam und lernen Dinge, die sie aus ihrem normalen Alltag nicht kennen. In jedem Jahr gibt es einen anderen Schwerpunkt. Die Betreuer sind Eltern, die sich ebenfalls ehrenamtlich engagieren. Der schönste Lohn sind die strahlenden Gesichter der Kinder und die Begeisterung, die sie an diesen vier Tagen zeigen. Damit alles funktioniert, müssen sowohl die Kinder als auch die Betreuer klare Regeln beachten. Und ein kleiner Obolus ist auch zu entrichten: 10 €uro pro Kind für die vier Tage.

Natürlich kostet so eine Kinderfreizeit viel mehr. Deshalb bereibt der Rabauke-Verein in der Hausotterstraße 3 ein Sozialkaufhaus. Dort kann jeder einkaufen ohne seine Bedürftigkeit nachweisen zu müssen. Die Waren sind Spenden. Der Gewinn steht den  Projekten des Vereins zur Verfügung.

Ausflug nach Wensickendorf

Endlich ein paar Tage richtiges Sommerwetter, und wir machen eine Fahrt ins Grüne. Familie B. hat uns (am Dienstag, dem 9. Juli 2013) in ihr Sommerhäuschen eingeladen. Vom Bahnhof Karow nehmen wir die Heidekrautbahn. Die zwanzigminütige Fahrt durch Wald und Felder reicht, um die hektische Großstadt für ein paar Stunden zu vergessen. Am Bahnhof Wensickendorf werden wir abgeholt. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir den wunderbaren Garten der Familie B. Im Schatten nehmen wir Platz am runden Tisch und naschen Johannis- und Erdbeeren aus dem Garten. Zur Überraschung aller setzt sich auch die Pfarrerin zu uns. Sie ist eingeladen, um uns die alte Dorfkirche zu zeigen, die aus dem Spätmittelalter stammt.  Am Tisch berichtet sie zunächst über ihren Aufgabenbereich. Sie ist für mehrere Gemeinden zuständig; ihr Amtssitz liegt in Liebenwalde. Wensickendorf und die Nachbargemeinde Zehlendorf gehören auch dazu. Bei den Gottesdiensten wechseln sich die Gemeinden ab. Die Pfarrerin stammt ursprünglich aus Leipzig und hat später in Berlin-Reinickendorf gelebt. So kennt sie die Kultur der ehemaligen DDR genauso gut wie die der West-Berliner oder West-Deutschen. Das ist ein Vorteil, der ihr bei ihrer heutigen Arbeit zugute kommt.

Auf dem Weg zur Kirche stellen wir fest, dass es im Dorf nur noch einen Bäcker und sonst keine Einkaufsmöglichkeiten gibt. Wöchentlich kommt ein Wagen mit Fleisch- und Wurstwaren. Aber das Dorf hat einen Kindergarten und einen Jugendraum. Es ist ein typisches Angerdorf mit einem breiten Wiesenstreifen, auf dem hohe Bäume stehen. Seitlich verläuft die relativ stark befahrene Durchgangsstraße.

Die Kirche in Wensickendorf ist bei Hochzeiten eine beliebte Kulisse. Und in dem historischen Gasthof kann man nach der Zeremonie stilvoll feiern. Hier lassen sich sogar viele Berliner Paare trauen. Das Gotteshaus ist aus Feldsteinen gebaut und steht mitten auf dem Dorfanger. Durch seinen rechteckigen Grundriss, der auch den Turm umfasst, wirkt es wie eine trutzige Burg. Über dem kurzen, quadratischen Turm erhebt sich ein hohes, spitzes Ziegeldach. Innen befinden sich ein hölzerner Kanzelaltar aus dem 17. Jahrhundert, der mit einer Sakristei aus dem 18. Jahrhundert verbunden ist, mehrere steinerne Figuren, das hölzerne Gestühl und die vor wenigen Jahren restaurierte Orgel auf der Empore. Die Pfarrerin weist auf ein historisches Harmonium hin, auf dem sie uns ein paar Takte vorspielt.

Anschließend wandern wir durch das Dorf zurück in den Garten. Dort warten Kaffee und Kuchen auf uns. Mit einem Gläschen Sekt beschließen wir diesen schönen Tag und machen uns auf den Rückweg nach Berlin-Reinickendorf.

Sven Bülow, Gagfah

Treffen der Kiezhistoriker am 23. April 2013 im Quartiersbüro

Eingeladen war Sven Bülow von der Gagfah, der über die Entstehungsbedingungen des Wohnungsbaus im Bereich der Aegirstraße und der Mickestraße berichtete. 1928 entstand hier ein Reformwohnungsbau mit zahlreichen gesunden und preiswerten Wohnungen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine bittere Wohnungsnot, und der private Wohnungsbau lag brach. In der Weimarer Republik sah man es als vorrangige staatliche Aufgabe an, Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung und Menschen mit kleinen Einkommen zu bauen. Jede Familie sollte eine eigene Wohnung mit der notwendigen Ausstattung bekommen, mit einer einfachen Küche, einem Bad, Ofen- und manchmal auch schon einer Zentralheizung. Licht, Luft und Sonne sollten in jede Wohnung eindringen können; ausschließlich nach Norden ausgerichtete Wohnungen waren nicht gestattet. In den Kellern, manchmal auch auf dem Dachboden befanden sich die Waschküche und eine Vorrichtung zum Trocknen der Wäsche, die allen Mietern zur Verfügung standen. Die Wohnanlagen sind  Zeilenbauten, die einen Block bilden, der in der Mitte einen wunderbaren großen, mit Bäumen und Rasen bepflanzten Innenhof umschließt.

Früher war auch die notwendige Infrastruktur vorhanden. Es gab zahlreiche kleine Geschäfte für die tägliche Versorgung. Leider hat sich hier ziemlich viel verändert, die Läden verschwanden, so dass das Wohnen an Attraktivität verlor. Reinickendorf-Ost war lange Zeit kein begehrter Wohnort. Das ändert sich jetzt. Da die Wohnungen in zentraleren Gebieten für viele Mieter nicht mehr bezahlbar sind, suchen sie jetzt auch in Reinickendorf-Ost nach einer geeigneten Bleibe. Die Gagfah bemüht sich, den Wohnungen einen zeitgemäßen Standard zu geben und modernisiert einzelne Häuser. Dabei hat sie ihr Klientel im Auge, orientiert sich am Berliner Mietspiegel und vermeidet bewusst Luxusmodernisierungen. Die Mieterstruktur ist jetzt stabiler, und in der Umgebung haben sich wieder neue Geschäfte angesiedelt. Mit dem Umbau des ehemaligen Straßenbahndepots in ein Einkaufszentrum und dem neuen Letteplatz, auf dem sich jetzt Alt und Jung tummeln, ist ein Anfang für eine neue Entwicklung gemacht worden. Das Familienzentrum wird ein weiterer interessanter Anlaufpunkt sein.

Sven Bülow ist stolz darauf, dass in den Häusern noch einige Einrichtungen aus der Entstehungszeit erhalten blieben. Und so führte er uns in einen Keller, wo noch die Waschküche und eine raffinierte Trockenvorrichtung zu sehen sind. Letztere wirkt wie ein Wandschrank, zieht man ein Element heraus, hat man ein waagerechtes Gestänge, auf das die Wäsche gehängt wurde. Dann schob man alles wieder in den Schrank, der von unten geheizt wurde und konnte in kürzester Zeit die Wäsche wieder abnehmen.
Vielleicht gab es hier auch mal Gelegenheit, mit der Nachbarin ein Schwätzchen zu halten…

Dann konnten wir noch einen der Luftschutzkeller besichtigen, die in den 1930er Jahren in die meisten Häuser eingebaut werden mussten. Wir sahen eine Stahltür, eine mit gemauerten Bögen verstärkte Kellerdecke und eine Tür, die zu dem Fluchtweg ins Nachbarhaus führte. Uns überkam ein Grausen bei der Vorstellung, wie die Menschen hier bei den Bombenangriffen ausgeharrt haben.

Programm 2013

Der Lettekiez gestern und heute
Programm 2013

Seit 2011 erkunden Senioren, aber auch jüngere Nachbarn den Lettekiez. Sie besuchen Betriebe, Kirche und Kindergärten, machen Stadtspaziergänge, laden Gäste zum Erzählen ein oder berichten selbst über ihre Erfahrungen aus ihrem Leben und im Kiez – selbstverständlich im gemütlichen Rahmen bei Kaffee und Keksen. In diesem Jahr wird es weitergehen. Die Mitglieder des Projekts würden sich sehr über Zuwachs freuen. Das Programm gibt den Rahmen an, die Inhalte werden von den Mitmachenden genauer bestimmt. Die Gruppe trifft sich in der Regel jeden 2. Dienstag/ Monat von 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51.

Folgende Termine wurden festgelegt (Änderungen vorbehalten):

Dienstag, 05. März              Vorbereitungstreffen

Samstag, 23. März                      14 Uhr Stadtpaziergang (Mittelbruchzeile u.Gewerbe)

Dienstag, 23. April               15 Uhr, Erzählcafe und Rundgang 20er-Jahre-Wohnungen mit Sven Bülow, Gagfah; Treff: Quartiersbüro

Dienstag, 14. Mai                Erzählcafé (Herr Mitschke, Sozialkaufhaus, Rabauke e.V.)

Samstag, 1. Juni               Tag des Hoffestes

Freitag, 7. Juni                   Lettefest/ Kiezrätsel 14-19 Uhr

Dienstag, 11. Juni                Kiezhistoriker (Jugendstadtteilladen, Provinzstr. 103)

Samstag, 29. Juni                       14 Uhr Stadtspaziergang (Alt-Heiligensee)

Dienstag, 9. Juli                    Kiezhistoriker (Besuch Wensickendorf)

Dienstag, 6. August             Erzählcafé mit Tanja Bethke, Buchhandlung Schäfersee

Samstag, 24. August      14 Uhr Stadtspaziergang (Wasserstadt)

Dienstag, 10. September  Erzählcafé

Dienstag, 8. Oktober           Kiezhistoriker

Dienstag, 12. November   Erzählcafé

Dienstag, 03. Dezember    15 Uhr, Abschlussfeier im Quartiersbüro

ErzählCafé mit Herrn Kraus

Erzählcafé am 10. Juli 2012

„Als Elektriker in der Schokoladenfabrik“

Herr Kraus berichtet aus seinem Leben

Herr Kraus stammt aus dem Fichtelgebirge. In den 1950er Jahren spielte dort die Porzellanindustrie eine wichtige Rolle. Sie sorgte in der gesamten Region für Arbeitsplätze. Viele seiner Mitschüler fanden dort eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz. Kraus aber ging 1957 nach der Volksschule zur Bundeswehr. In der Nähe seines Wohnortes gab es keine weiterführende Schule, so dass das Abitur den Kindern finanziell Bessergestellter vorbehalten war. Denn Arzt- oder Rechtsanwaltssöhne konnten mit dem Auto zum Bahnhof gefahren werden, um in der nächst größeren Stadt die Oberschule zu besuchen.

Als Kraus sich mustern ließ, hoffte er insgeheim, wegen seiner Größe abgelehnt zu werden. Doch der Militärarzt maß 1,64 Meter, nicht 1,62, wie Kraus meinte, und damit war er wehrtauglich.

Kraus blieb 8 Jahre bei der Bundeswehr, wo er bis zum Feldwebel aufstieg. Im Bayrischen Wald war er eingesetzt, um „Aufklärung“ zu betreiben. Seine Aufgabe bestand zum Beispiel darin, auf dem Fernsehturm, der die Spitze des „Hohen Bogen“ bildete, Signale abzuhören. Dann gefiel es ihm nicht mehr bei der Bundeswehr, und er nutzte die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Elektriker zu absolvieren. Im achten Jahr beim Militär begann er dort die Lehre, dann ging er zurück in seinen Heimatort zur Porzellanfabrik Hutschenreuther, um die Lehre abzuschließen. Die Bundeswehr förderte die Ausbildung finanziell. Die Entscheidung, Elektriker zu werden, hat viel damit zu tun, dass sein Vater Elektriker schon war und bei Hutschenreuther arbeitete.

In der Porzellanfabrik blieb er bis 1978. Inzwischen war er verheiratet und bekam zwei Söhne. Sein Meister wollte in Rente gehen, und Kraus war als Nachfolger vorgesehen. Er hätte allerdings noch seinen Meister machen müssen. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Region änderten sich. Aufgrund der Einfuhr billiger Porzellanwaren aus dem fernen Osten war man nicht mehr konkurrenzfähig. Die Nachfrage nach hochwertigem Porzellan sank. Viele Fabriken produzierten nur noch unter Kurzarbeit. Die Arbeiter hatten plötzlich keine Zukunft mehr. Unter diesen Umständen wollte Kraus nicht länger in dieser Region bleiben. Ihn zog es nach Berlin. Das Arbeitsamt bot ihm eine Stelle als Elektriker in der Schokoladenfabrik Stollwerck in Berlin-Marienfelde an.

Die Ankunft in Berlin am 31. Oktober 1978 am Abend begann mit einem kleinen Desaster: Der Taxifahrer hatte ihn betrogen. Für die Taxifahrt vom Bahnhof Zoo zum Hotel, das ihm das Arbeitsamt für die ersten 14 Tage besorgt hatte, kassierte der Fahrer 40 DM. Kraus zahlte und stellte erst am nächsten Tag fest, dass sein Hotel am Ernst-Reuter-Platz ja ganz dicht am Zoo lag und dass die Taxifahrt unmöglich 40 DM wert sein konnte. Kraus aber lebte sich bald ein, lernte zum Beispiel, dass er beim Umsteigen von der U-Bahn in den Bus nicht noch einmal bezahlen musste und bekam in der Nähe der Fabrik eine eigene kleine, voll eingerichtete Wohnung zugewiesen.

Die Arbeit des Elektrikers in der Schokoladenfabrik war kaum anders als bei der Porzellanherstellung. Die technischen Abläufe ähnelten sich. Kraus wurde Vorarbeiter und programmierte bald die technische Anlage. Er gehörte zu den wenigen, die sich wirklich auskannten und fühlte sich an seinem sicheren Arbeitsplatz sehr wohl. Seine Familie besuchte er regelmäßig. Als ehemaliger Bundeswehrsoldat musste er das Flugzeug nehmen, denn die Durchfahrt durch die damalige DDR war für ihn nicht gestattet. Die Reisekosten sponserte das Arbeitsamt. Nach einem Jahr wollte er seine Familie nachholen. Aber seine Frau konnte es sich partout nicht vorstellen, in Berlin zu leben, und Kraus wollte nicht wieder zurück ins Fichtelgebirge. Das Paar ließ sich scheiden. In der Fabrik lernte Kraus seine zweite Frau kennen. Sie stammte aus Sardinien und hatte es in der Firma bis zur Vorarbeiterin in der Verpackungsabteilung geschafft. Die beiden bauten sich in Berlin ein neues Leben auf. Einer von Kraus’ Söhnen kam später auch nach Berlin, um in der Schokoladenfabrik als Konditor zu arbeiten. Als Kraus’ Frau im Jahr 2006 plötzlich und unerwartet starb, wollte er die Fabrik nicht mehr betreten und kehrte ihr für immer den Rücken.

Grundzüge der Schokoladenherstellung: Bei Stollwerck werden die Kakaobohnen in 50-Kilo-Säcken aus Bremen angeliefert. Es sind verschiedene Sorten, die die spätere Schokoladenqualität beeinflussen. Außerdem spielen der Anteil des Kakaos, der Kakaobutter, des Milchpulvers und des Zuckers eine wesentliche Rolle. Je höher der Kakaoanteil, desto besser und teurer wird die Schokolade.

Die Kakaobohnen werden gereinigt, bei Temperaturen von 100 bis 160 °C geröstet und dann im Mahlwerk in kleine Stücke zerbrochen. Die Schalenteile werden entfernt. Anschließend wird der Kakaobruch gemahlen. Dabei tritt die Kakaobutter heraus, die die Bruchstücke zu einer zähflüssigen dunkelbraunen Kakaomasse verbindet. Zur Herstellung von Kakaopulver wird die flüssige Kakaomasse gepresst, wobei die Kakaobutter abfließt, der Rückstand, der „Kakaopresskuchen“, wird zu Kakaopulver zermahlen.

Zur Herstellung von Schokolade wird die Kakaomasse mit Zucker und Milchpulver vermischt. Diese Masse wird in Walzwerken fein vermahlen, um insbesondere die Zuckerkristalle stark zu reduzieren. In den so genannten Conchen wird die Schokoladenmasse erwärmt und geschlagen. Heute dauert das Conchieren 8 – 30 Stunden, je länger, desto höher ist die Qualität der Schokolade und ihr Preis.

Bevor Schokolade aus dem flüssigen Zustand verarbeitet und zum Erstarren gebracht wird, muss sie temperiert werden, d. h. sie wird gekühlt, bis der Fettanteil in der Schokolade erste Erstarrungskristalle bildet. Man differenziert zwischen sechs verschiedenen Erstarrungskristallen von Schokolade, wobei diese sich in der Optik, Geschmack und der Schmelztemperatur unterscheiden.

In einem weiteren Produktionsschritt wird die Masse in Formen abgefüllt oder als Überzugsmasse für Schokoriegel aufbereitet und danach abgekühlt. Diese Schokoladenmasse kann dann in entsprechende Formen, wie Tafeln, Kugeln, Hohlformen oder Eier gegossen werden. Kurz nach dem Temperieren können Nüsse oder andere Zutaten beigegeben werden.

Erzählcafé am 27. April 2012

Diesmal wieder eine ruhige Zusammenkunft im Kinderzentrum. Wir reflektieren unseren letzten Stadtspaziergang. Das ehemalige AEG-Gelände hatte es uns besonders angetan, weil drei aus unserer Gruppe dort beschäftigt waren oder dort ausgebildet wurden, allerdings zu jeweils anderen Zeiten. Herr Grühn berichtete, dass in dieser zentralen Ausbildungsstätte seine Lehrlingszeit verbrachte. Dort wurden u. a. Dreher, Schlosser, Werkzeugbauer ausgebildet, und alle sollten mit einer guten Note abschließen. Mittags konnte man in der großen Kanntine verschnaufen. Herr Schulze lernte dort ebenfalls, bevor er sein Ingenieurstudium begann, und Herr Schlickeiser sicherte sich dort 1960 seinen Unterhalt als Werkstudent, indem er Schilder auf gerade hergestellte Zähler aufnietete.

Dann gingen wir zu unserem neuen Thema über: die Badstraße in Wedding. Unser nächster Ausflug soll uns nämlich zum ehemaligen Luisenbad führen, das mit der räumlichen Entwicklung der Badstraße im Zusammenhang steht. Letzlich besteht auch ein Bezug zum Quartier am Letteplatz, denn die Badstraße beginnt als historische Ausfallstraße am Rosenthaler Tor, wo sie heute Brunnenstraße heißt. Deren Verlängerung ist die Residenzstraße, die in Reinickendorf liegt. Wie wir wissen, hat sich Berlin ringförmig ausgedehnt, und als der Wedding Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung immer enger mit Wohnungen bebaut wurde und aus den Nähten platzte, zogen die Menschen weiter in den Norden und siedelten sich auch am Letteplatz an.

Die Badstraße verwandelte sich im Lauf der Geschichte von einem ländlichen Weg zur bürgerlich-vorstädtischen Chaussee und Ende des 19. Jahrhunderts zur Vergnügungs- und Einkaufsmeile in einem proletarischen Wohnumfeld. Zum Ende des 20. Jahrhunderts verdeutlicht die Straße durch den Zuzug einer Vielfalt von Migranten erneut einen sozialen Wandel. Wenn man aufmerksam durch die Straße geht, kann man noch viele Hinweise auf alte Zeiten entdecken, vorausgesetzt, man sucht sie. Wer nicht weiß, dass es direkt an der Panke eine Quelle gab, die sich zu einem Ausflugsziel entwickelte, an dem sogar Villen entstanden und in deren Umgebung sich später ein Vergnügungsviertel mit Gartenrestaurants und Theatern herausbildete, der findet auch nicht das Relief mit dem Brunnen-häuschen an der Hauswand Badstraße 39.

Alles begann mit Entdeckung der Quelle neben der Panke, die dort mit zwei Armen eine kleine Insel umschloss. Angeblich soll König Friedrich I. nach einem Jadausflug begeistert von der Frische dieses Wassers gewesen sein. 1757 wies der Arzt und Hofapotheker Heinrich Wilhelm Behm die besondere Eigenschaft des Wassers nach und überzeugte Friedrich II., ihm zu erlauben, einen Brunnen anzulegen. Das Gelände wurde „Friedrichs-Gesundbrunnen“ genannt, und es entstand ein Brunnen- und Badebetrieb, der im Lauf der Geschichte wechselnden Erfolg verzeichnete. Der Badebetrieb zog zunächst ein bürgerliches Publikum an, das dort seine Villen errichtete. Das Gelände des Bades wurde mehrfach verkauft. 1845 erwarb es der Seidenfabrikant und Bühnenmaler Carl Gropius, der dem Bad, das inzwischen nach Königin Luise „Luisenbad“ genannt wurde, das Flair eines eleganten Erholungsortes verlieh.

Mit der Industrialisierung veränderte sich die Gesellschaft am Gesundbrunnen. In das nun dicht mit mehrgeschossigen Mietshäusern bebaute Gebiet zogen die Arbeiter ein, die in den nahe liegenden Industrieanlagen Arbeit fanden. In der Chaussee- und Ackerstraße lag das Zentrum des Maschinen- und Lokomotivbaus. In der Badstraße ließen sich neue Lokale nieder. Die Struktur des Vergnügungsviertels änderte sich. Seit 1873 führte die Pferde-Eisenbahn vom Rosenthaler Tor zum Gesund-brunnen. Sie machte den Ort noch attraktiver und trug zur Wertsteigerung der Grundstücke bei. In der Gründerzeit entstanden fünfgeschossige Mietshäuser mit prächtigen Fassaden und hohen Turm-aufbauten, die den Wohlstand ihrer Bauherren betonten.

Mit dem Tod von Carl Gropius 1870 ging die bürgerliche Epoche des Luisenbades zu Ende. Das Badehaus fiel der Straßenverbreiterung zum Opfer. Das Brunnenhäuschen und das Restaurant mussten dem prächtigen und noch heute existierenden Neubau des „Luisenhauses“, Badstraße 39, wei-chen, das der Zimmermeister Carl Galuschki 1891 errichtete. Allerdings ließ Galuschki das Brunnen-häuschen in der Nähe wieder aufbauen. Als 1908 die Travemünder Straße parallel zur Panke über das Gelände des alten Luisenbades gelegt wurde, wurde das Brunnenhäuschen endgültig entfernt. Das „Luisenhaus“ musste um ein Drittel abgetragen werden. Galuschki ließ als Erinnerung an das Luisenbad das Relief des Brunnenhäuschens an der neuen Fassade zur Travemünder Straße anbringen.

Programm 2012

Seit 2011 erkunden Senioren, aber auch jüngere Nachbarn den Lettekiez. Sie besuchen Betriebe, Kirche und Kindergärten, machen Stadtspaziergänge, laden Gäste zum Erzählen ein oder berichten selbst über ihre Erfahrungen aus ihrem Leben und im Kiez – selbstverständlich im gemütlichen Rahmen bei Kaffee und Keksen. In diesem Jahr geht es weiter. Die Mitglieder des Projekts würden sich sehr über Zuwachs freuen.

Die Projektinhalte werden gemeinsam festgelegt. Die Gruppe trifft sich in der Regel jeden 2. Dienstag/ Monat von 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51.

Alle Nachbarn und ihre Freunde sind herzlich eingeladen!
Folgende Termine wurden festgelegt (Änderungen vorbehalten):

Dienstag, 16. März         Vorbereitungstreffen

Donnerstag, 22. März         Ausstellungsbesuch und Film: Weltfrieden

Samstag, 31. März         14 Uhr, Stadtpaziergang (Schäfersee)

Dienstag, 24. April         Erzählcafé / Geschichte der Badstraße/ Wedding

Dienstag, 15. Mai         Kiezhistoriker(Besuch ehem.Luisenbad/ Wedding)

Freitag, 1. Juni           Lettefest / Kiezrätsel

Dienstag, 12. Juni         Erzählcafé / Geschichte Alt-Reinickendorf

Samstag, 30. Juni         14 Uhr, Stadtspaziergang (Alt-Reinickendorf)

Dienstag, 10. Juli         Kiezhistoriker (Besuch einer Einrichtung o. ä.)

Dienstag, 7. August         Erzählcafé

Samstag, 25. August         14 Uhr, Stadtspaziergang

Dienstag, 11. Sept.         Kiezhistoriker (Besuch einer Einrichtung o. ä.)

Dienstag, 9. Oktober         Erzählcafé

Dienstag, 13. Nov.         Kiezhistoriker (Besuch einer Einrichtung o. ä.)

Abschlusssitzung         wird noch bekanntgegeben

Vorbereitungstreffen am 16. März 2012

Die Kerngruppe ist komplett zum Vorbereitungstreffen in das Kinderzentrum erschienen. Silke Schlichting hat uns zum Auftakt des neuen Jahres begrüßt, und wir begannen, unsere Wünsche für unser Programm zusammenzustellen. Manche wollten sich der Hausotter- und der Schäfersee-Schule widmen, andere wünschten sich einen Besuch im Seniorenheim Stargardtstraße oder im neuen Gemeindehaus der Evangeliumskirchengemeinde. Für die Stadtpaziergänge wurden die Bereiche an der nördlichen Provinzstraße und um das Luisenbad im Wedding vorgeschlagen, dann fiel uns noch der alte Dorfkern Reinickendorf ein. Für den nächsten Stadtpaziergang am 31. März wollten wir uns den Bereich um den Schäfersee vornehmen. Damit war schon mal eine Entscheidung gefällt.

Als Silke Schlichting intervenierte und für das Erzählcafé vorschlug, sich mit „Konvertiten“ auseinanderzusetzen und Menschen einzuladen, die zum Beispiel vom Christentum zum Islam übergetreten sind, begann eine hitzige Diskussion. Viele Vorurteile wurden bedient. Ich muss gestehen, dass ich als Projektleiterin Schwierigkeiten hatte, die Diskussion zu lenken. Was wollen wir denn eigentlich? Das war die richtige Frage, um wieder Klarheit zu gewinnen. Wir wollen ein friedliches Miteinander in Wohngebieten, in denen die verschiedensten Nationalitäten auf engem Raum zusammenleben. Welchen Beitrag können wir dazu leisten? Wir sollten uns zunächst informieren und Menschen anderer Religionen oder Kulturkreise kennenlernen. Es geht um Toleranz. Was bedeutet uns die Religion des eigenen Kulturkreises? Wer ist noch Mitglied der Kirche? Die Diskussion ließ durchscheinen, dass selbst in unserer Gruppe keine homogene Auffassung von der für uns „zuständigen“ Religion, dem Christentum, besteht. Deshalb kamen wir zu dem Schluss, dass es gut ist, mehr zu wissen und sich mit diesen Fragen intensiver auseinanderzusetzen. Wir baten Silke Schlichting, für uns einen Kontakt zu knüpfen.

Wir machen weiter!

“Der Lettekiez gestern und heute”: Mitstreiter gesucht!

Kiezhistoriker und Erzählcafé: Wir machen weiter mit unseren Kiezerkundungen und Stadtspaziergängen!

Seit 2011 erkunden Senioren, aber auch jüngere Nachbarn den Lettekiez. Sie besuchen Betriebe, Kirche und Kindergärten, machen Stadtspaziergänge, laden Gäste zum Erzählen ein oder berichten selbst über ihre Erfahrungen aus ihrem Leben und im Kiez – selbstverständlich im gemütlichen Rahmen bei Kaffee und Keksen. In diesem Jahr wird es weitergehen. Die Mitglieder des Projekts würden sich sehr über Zuwachs freuen.

Sie sind herzlich eingeladen!

Die Gruppe trifft sich jeden 2. Dienstag/ Monat von 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51. Am ersten Termin dieses Jahres werden wir gemeinsam das Programm aufstellen. Er findet statt am

  • Dienstag, dem 13. März 2012, 16 Uhr im Kinderzentrum.

Unseren nächsten Stadtspaziergang veranstalten wir am

  • Samstag, dem 31. März 2012, 14 Uhr, Treffpunkt vor dem Kinderzentrum

Erzählcafé am Dienstag, 11. Oktober 2011, mit Horst und Margrit B.

Wir versammelten uns im Quartiersbüro. Herr Kraus hatte seinen Urlaub in Sardinien verbracht und brachte uns süße Köstlichkeiten mit. Dann fing Margrit B. an zu erzählen: Sie wurde im Januar 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, in Schlesien geboren. Nach Schlesien sind viele Berliner Mütter geschickt worden, um den Bombenangriffen auf Berlin zu entgehen. Allerdings waren die Russen schon beim Marsch auf Berlin, so dass Margrits Mutter fluchtartig nach Berlin zurückkehrte. Ein Vierteljahr später fiel der Vater bei den Kämpfen um Berlin, nach zwei Jahren starb die Mutter. Margrit und ihr vier Jahre älterer Bruder wurden von der Großmutter erzogen, die in Pankow wohnte. Es war damals, nach dem Krieg, fast normal, dass Kinder nur mit einem Elternteil aufwuchsen. Margrit aber war die einzige in ihrer Klasse, die weder Vater noch Mutter hatte. Trotzdem hatte sie eine glückliche Kindheit. Die Großmutter war eine couragierte Frau. Sie trachtete danach, dass die Kinder möglichst rasch die Schulzeit hinter sich bringen, weil sie fürchtete, nicht so lange zu leben. Aber sie wurde 92 Jahre alt.

Nach der zehnjährigen Schulzeit, entschied sich Margrit., in die Fußstapfen des Vaters zu treten und bei „der Vermessung“ zu lernen, d. h. Vermessungsfacharbeiter zu werden, wie der Beruf in der DDR genannt wurde. Auch der Bruder hatte sich dafür entschieden. Nach der Ausbildung und ersten Berufserfahrungen hängte Margrit noch ein Studium an und ging dafür nach Dresden, denn in der DDR konnte man nur in der dortigen Fachhochschule Vermessungskunde studieren. Sie schloss als Vermessungsingenieur ab. Margrit ging wieder zu dem Berliner Betrieb zurück, der sie zum Studium geschickt hatte. In der Zeit der Ausbildung und des Studiums fand sie Gleichgesinnte, mit denen sie sich zusammentat und die freie Zeit gemeinsam verbrachte. Dort kam sie ihrem späteren Mann näher, den sie bereits bei einer der gemeinsamen, privat organisierten Wanderungen kennengelernt hatte.

Margrit war weder bei den Jungen Pionieren noch hat sie die Jugendweihe miterlebt. Sie wurde konfirmiert. In ihre Klasse ging die Tochter von Walter Ulbricht (dem Staatsratsvorsitzenden der DDR), und die Lehrerin, eine „rote Socke“, wollte, dass die Klasse vollständig bei der FDJ mitmacht. Margrit hatte sich aber zurückgehalten; deshalb schrieb man ihr eine Bemerkung über ihre „fragwürdige Haltung zum Staat“ ins Zeugnis. Damit hätte sie sich die berufliche Karriere verderben können. Da Margrit und auch ihr Bruder sehr gute Schüler bzw. Lehrlinge waren, wurde später nichts mehr dazu gesagt. Während des Studiums war Margrit Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, um wenigstens in einer der gesellschaftlichen Organisationen zu sein, wie es verlangt wurde. Glücklicherweise wurden die meisten ihres Jahrgangs nicht so behelligt, wie später die Jüngeren, die für ihre Karriere das Parteiabzeichen tragen mussten.

Während des Studiums musste man eine vormilitärische Ausbildung absolvieren. In dieser Zeit wohnte Margrit in einem Internat. Einmal hatte sie Freunde aus Schweden zu Besuch. Um mit ihnen ihren letzten Ferientag zu verbringen, hatte sie sich von der Truppe entfernt. Außerdem hatte der Besuch mitbekommen, dass dort Kriegmaterial abgeladen wurde. Margrit wurde ein Disziplinarverfahren angedroht. Als sie das nächste Semester antreten wollte, begegnete sie dem Rektor, der nur eine Bemerkung zu ihrem Verhalten machte, sie aber nicht bestrafte. Sie konnte in Ruhe weiter studieren. Dann lernte sie ihren Mann kennen, den sie 1974 heiratete.

Horst B. wurde 1947 in Feldberg/Mecklenburg geboren. Seine Jugend verbrachte er in Neustrelitz. Von klein auf besuchte er jedes Wochenende den Hof seiner Großeltern in der Nähe von Feldberg. Er liebte diesen Hof und wollte so oft wie möglich dort sein. Weil er den Weg mit der Bahn und anschließend noch drei Kilometer Fußmarsch durch den Wald allein machen musste, hängten ihm seine Eltern ein Schild  mit seinem Namen und der Adresse um den Hals und schickten ihn los. Wenn es irgend möglich war, holte ihn sein Großvater mit dem Pferdewagen vom Bahnhof ab. Nach dem Schulabschluss, 10. Klasse, wusste er nicht so recht, was er lernen sollte. Eigentlich wollte er Landwirt werden. Doch Großvater und Onkel rieten ihm angesichts der in den 1960er Jahren durchgeführten Kollektivierung der Landwirtschaft ab: „Es wird dir nicht gelingen, den Hof zu bekommen.“ So wurde er Großhandelskaufmann. Neben seiner Arbeit im Ausbildungsbetrieb machte er noch ein Fernstudium und qualifizierte sich zum Ökonom. Dann wurde er Abteilungsleiter bei der Branche für Uhren und war verantwortlich für die Versorgung des Bezirkes Neubrandenburg. Später ging er nach Rostock und sattelte um zur Agrotechnik; er wandte sich also wieder der Landwirtschaft zu. Der Betrieb „Landtechnik“ versorgte den Bezirk Rostock mit Reparaturen, Ersatzteilen und Landmaschinen. Horst war im Bereich der Abrechnungen beschäftigt. Es ging ihm gut dort, er hatte 22 Mitarbeiter und kam im Bezirk herum. Dann lernt er seine Frau kennen.

Ihretwegen gab er Rostock auf, weil ihre Großmutter nicht mehr allein bleiben konnte. 1973 zogen sie nach Berlin. In Pankow wohnten sie zusammen mit der Großmutter in einer 1 1/2-Zimmerwohnung. Die Großmutter war schon über 80, aber noch rüstig, und hat für das junge Paar gekocht. Es gab feste Zeiten für´s Essen, die eingehalten werden mussten. Später fand sich in der Nähe eine kleine Wohnung, in der Großmutter bis zu ihrem Tod lebte. Bis 1979 blieb das Paar in der 1 1/2-Zimmerwohnung. 1976 wurde der erste Sohn geboren, und sie waren wieder zu dritt. 1979 gab es eine Tauschmöglichkeit nach Wilhelmsruh: eine AWG-Wohnung ganz oben mit 2 1/2 Zimmern (54 qm) und Ofenheizung, ein Zimmer hatte eine Außenwand-Gasheizung. Die Wohnung lag dicht am Grenzgebiet; abends konnte man den erleuchteten Funkturm sehen. Damals in der DDR war es sehr schwierig, eine Wohnung zu bekommen. Man musste sich lange anmelden und dann noch zahlreiche „Aufbaustunden“ absolvieren. Für eine größere Wohnung musste man mehrere Kinder nachweisen, die manchmal schon fast erwachsen waren, wenn man eine Wohnung bekam.

Frau B. hatte nach der Geburt des zweiten Sohnes die Möglichkeit zu Hause zu arbeiten. Sobald das Kind schlief, rollte sie die Karten auf dem Wohnzimmertisch auf und arbeitete an Lageplänen und Stadtkarten im Maßstab 1: 1000.

Herr und Frau B. sind nie Genossen gewesen. Sie gehörten zur Jungen Gemeinde, wurden deshalb aber nicht verfolgt. Sie hatten Westkontakte, schrieben sich mit Verwandten und Freunden, haben aber zu DDR-Zeiten keine West-Reise unternommen. Wir diskutierten noch weitere Themen, z.B. wie es den Landwirten nach der Zwangskollektivierung gegangen ist. Meistens blieb ihnen ihr Wohnhaus und der Garten, den sie noch außerhalb der Arbeit bei der LPG bewirtschafteten.

Nach Reinickendorf kamen die B´s über einen Kontakt mit der Steglitzer Wohnungsbaugenossenschaft. 2001 wurde ihnen eine 2 2/2 Zimmer in der Humboldtstraße angeboten, die sie gerne annahmen. Es war nicht weit zur alten Heimat Wilhelmsruh, wo die beiden noch immer aktiv in der Kirchengemeinde sind. Seit einem Jahr leben sie in ihrer neuen Wohnung in der Letteallee.