Archiv für Mai 2012

Ankündigung, Termin 12. Juni und 30. Juni

Das nächste Erzählcafé findet statt am Dienstag, dem 12. Juni, 16-18 Uhr im Kinderzentrum, Pankower Allee 51.
Thema: Alt-Reinickendorf

Der nächste Stadtspaziergang am Samstag, 30. Juni, führt uns nach Alt-Reinickendorf.
Treffpunkt: 14 Uhr an der alten Dorfkirche.

Besuch des ehemaligen Luisenbades an der Badstraße in Wedding, 15. Mai 2012

Dass sich hier an der Badstraße ein

geschichtsträchtiger Ort befindet, verraten höchstens die beiden prächtigen Hausfassaden an der östlichen Seite der Badstraße, und nur wenige Menschen bemerken, dass man hier die Panke überquert. Die Reste des von uns aufgesuchten Luisenbades liegen im Hinterhof, den man über die schmale, grüne Travemünder Straße neben der Panke erreichen kann. Hier war unser Treffpunkt. Heute sind die noch erhaltenen Gebäude des ehemaligen Bades in den interessanten Neubau der Stadtbibliothek integriert. Einst umfasste das Luisenbad eine riesige Waldfläche, die sich auch über die westliche Straßenseite bis zur heutigen Prinzenallee und Pankstraße ausdehnte. Sie wurde in einen Kurpark mit Brunnenhäuschen Badeanstalt, Gastwirtschaft und Sommerhäusern umgewandelt, der jedoch ab 1856 parzelliert und bis 1873 bebaut wurde. Neben den alten Brunnenanlagen blieb nur ein einziges großes Grundstück übrig, auf dem ein Vergnügungsetablissement mit Schwimmbad, Kegelbahnen, Tanzhallen und Kaffeeküche entstand. Es wurde „Marienbad“ genannt. Der neue Besitzer des Marien- und Luisenbades, Carl Galuschki, errichtete dort das noch heute existierende, reich geschmückte Mietshaus Badstraße 38/39 mit dem Brunnen-Relief an der zur Panke hin orientierten Fassade. Das Mietshaus verkaufte er weiter, aber den Saalbau im Hofinneren vergrößerte er 1910 für ein Kino. Das „Lichtspieltheater Marienbad“ existierte dort bis in die Nachkriegszeit. Die in der Zwischenzeit heruntergekommene Luisenquelle wurde versiegelt. Ende der 1970er-Jahre wurde das Vorderhaus an der Badstraße saniert. Die Hofgebäude sollten abgerissen werden. Der Kinosaal war bereits abgetragen, als die Denkmalpflege beschloss, die restlichen Gebäude zu erhalten und unter Denkmalschutz zu stellen. Das „Vestibül“ des ehemaligen Tanzsaals  und das „Comptoir“ wurden in das neue Konzept, hier die Stadtbibliothek zu errichten, einbezogen, die am 1. November 1995 ihren Betrieb aufnahm.

Das hinter der Badstraße versteckte Kleinod begeisterte uns. Schön, dass wenigstens der historische Eingangsbereich zu den ehemaligen Tanzsälen noch erhalten ist und auch die Front des Cafés. So kann man sich ein wenig in die alten Zeiten hineinversetzen. Auch die Balustrade an der Pankebrücke deutet auf das ehemalige Etablissement hin. Die Bibliothek, die von einigen unserer Kiezhistoriker regelmäßig besucht wird, hat durch die Einbeziehung der alten Gemäuer eine einzigartige Atmosphäre erhalten.

Am gegenüberliegenden Ufer der Panke befindet sich eine alte Wassermühle, die um 1844 erbaut wurde. Sie war bis 1891 in Betrieb und ist das älteste erhaltene Wohn- und Gewerbehaus an der Badstraße. Schon 1714 wurde dort eine Walkmühle und ab 1731 eine Papiermühle errichtet. 1890 erwarb der Fabrikant Carl Arnheim das Mühlengelände zwischen den beiden Pankearmen und erbaute dort die Tresorfabrik S. J. Arnheim. Sie bestand aus einem Fabrikgebäude, vier großen Schuppen, einem Inspectorhaus und einem Wohngebäude. Architekt war Wilhelm Martens, ein früherer Mitarbeiter von Martin Gropius. Erhalten sind noch das Wohnhaus an der Badstraße und die Shedhallen, die man 1897 als zweite große Produktionsstätte errichtete. Heute dienen die denkmalgeschützten Hallen Berliner Künstlern als Bildhauerwerkstatt. Der westliche Pankearm wurde zugeschüttet, der östliche Flussarm begradigt und mit einer Ufermauer befestigt. Die alte Mühle wurde zur Druckereiwerkstatt ausgebaut. In die neuen Räume zog die Redaktion der 1887 gegründeten Gesundbrunner Zeitung „Die Quelle“. 1938 endete die Geschichte der traditionsreichen Tresorfabrik der jüdischen Familie Arnheim mit einer Zwangsversteigerung. Die Witwe des 1905 verstorbenen Fabrikanten, Dorothea Arnheim, und ihre beiden Söhne Felix und Siegmund Arnheim wurden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern ermordet.

Nach so viel Geschichte liefen wir das Gelände des ehemaligen Luisenbades ab und warfen noch einen Blick auf die St. Pauskirche, die Karl Friedrich Schinkel 1835 als erstes Gebäude auf der westlichen Seite der Badstraße gebaut hatte. Die St. Paulskirche am Gesundbrunnen ist eine von vier Schinkel-Kirchen, die  fast gleichzeitig entstanden. Die anderen drei sind: die Elisabethkirche in der Rosenthaler Vorstadt, die Nazarethkirche auf dem Wedding und die Johanniskirche in Moabit. Nach dem Verkauf dieses ehemaligen Parks wurde das Gelände 1896 parzelliert und mit fünfgeschossigen Mietshäusern bebaut. Um die niedrige Kirche nicht ganz darin verschwinden zu lassen, errichtete man 1889 einen Glockenturm in Form eines Campanile, der die Häuser überragt. 1911 entstand als Anbau an die Kirche ein großes Gemeindehaus.

Zum Ausruhen und Kaffeetrinken setzten wir uns in der benachbarten Buttmannstraße in einen Hofgarten. Der Straßenname stammt übrigens von Philipp Buttmann, der ab 1858 Pfarrer an der Paulsgemeinde war und die Entwicklung des Gebietes 28 Jahre lang beobachtet und protokolliert hat.

Im Garten erfahren wir, dass dieses  und das Nachbargrundstück bis zu den 1980er-Jahren jeweils noch mit einem Seitenflügel und einem Quergebäude bebaut waren, die im Zuge einer staatlich geförderten Sanierung abgerissen wurden. Wir erhalten auch Informationen über die aktuelle soziale Situation in der Buttmannstraße und dass das Vermietungsmanagement Feingefühl erfordert.

Erzählcafé am 27. April 2012

Diesmal wieder eine ruhige Zusammenkunft im Kinderzentrum. Wir reflektieren unseren letzten Stadtspaziergang. Das ehemalige AEG-Gelände hatte es uns besonders angetan, weil drei aus unserer Gruppe dort beschäftigt waren oder dort ausgebildet wurden, allerdings zu jeweils anderen Zeiten. Herr Grühn berichtete, dass in dieser zentralen Ausbildungsstätte seine Lehrlingszeit verbrachte. Dort wurden u. a. Dreher, Schlosser, Werkzeugbauer ausgebildet, und alle sollten mit einer guten Note abschließen. Mittags konnte man in der großen Kanntine verschnaufen. Herr Schulze lernte dort ebenfalls, bevor er sein Ingenieurstudium begann, und Herr Schlickeiser sicherte sich dort 1960 seinen Unterhalt als Werkstudent, indem er Schilder auf gerade hergestellte Zähler aufnietete.

Dann gingen wir zu unserem neuen Thema über: die Badstraße in Wedding. Unser nächster Ausflug soll uns nämlich zum ehemaligen Luisenbad führen, das mit der räumlichen Entwicklung der Badstraße im Zusammenhang steht. Letzlich besteht auch ein Bezug zum Quartier am Letteplatz, denn die Badstraße beginnt als historische Ausfallstraße am Rosenthaler Tor, wo sie heute Brunnenstraße heißt. Deren Verlängerung ist die Residenzstraße, die in Reinickendorf liegt. Wie wir wissen, hat sich Berlin ringförmig ausgedehnt, und als der Wedding Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung immer enger mit Wohnungen bebaut wurde und aus den Nähten platzte, zogen die Menschen weiter in den Norden und siedelten sich auch am Letteplatz an.

Die Badstraße verwandelte sich im Lauf der Geschichte von einem ländlichen Weg zur bürgerlich-vorstädtischen Chaussee und Ende des 19. Jahrhunderts zur Vergnügungs- und Einkaufsmeile in einem proletarischen Wohnumfeld. Zum Ende des 20. Jahrhunderts verdeutlicht die Straße durch den Zuzug einer Vielfalt von Migranten erneut einen sozialen Wandel. Wenn man aufmerksam durch die Straße geht, kann man noch viele Hinweise auf alte Zeiten entdecken, vorausgesetzt, man sucht sie. Wer nicht weiß, dass es direkt an der Panke eine Quelle gab, die sich zu einem Ausflugsziel entwickelte, an dem sogar Villen entstanden und in deren Umgebung sich später ein Vergnügungsviertel mit Gartenrestaurants und Theatern herausbildete, der findet auch nicht das Relief mit dem Brunnen-häuschen an der Hauswand Badstraße 39.

Alles begann mit Entdeckung der Quelle neben der Panke, die dort mit zwei Armen eine kleine Insel umschloss. Angeblich soll König Friedrich I. nach einem Jadausflug begeistert von der Frische dieses Wassers gewesen sein. 1757 wies der Arzt und Hofapotheker Heinrich Wilhelm Behm die besondere Eigenschaft des Wassers nach und überzeugte Friedrich II., ihm zu erlauben, einen Brunnen anzulegen. Das Gelände wurde „Friedrichs-Gesundbrunnen“ genannt, und es entstand ein Brunnen- und Badebetrieb, der im Lauf der Geschichte wechselnden Erfolg verzeichnete. Der Badebetrieb zog zunächst ein bürgerliches Publikum an, das dort seine Villen errichtete. Das Gelände des Bades wurde mehrfach verkauft. 1845 erwarb es der Seidenfabrikant und Bühnenmaler Carl Gropius, der dem Bad, das inzwischen nach Königin Luise „Luisenbad“ genannt wurde, das Flair eines eleganten Erholungsortes verlieh.

Mit der Industrialisierung veränderte sich die Gesellschaft am Gesundbrunnen. In das nun dicht mit mehrgeschossigen Mietshäusern bebaute Gebiet zogen die Arbeiter ein, die in den nahe liegenden Industrieanlagen Arbeit fanden. In der Chaussee- und Ackerstraße lag das Zentrum des Maschinen- und Lokomotivbaus. In der Badstraße ließen sich neue Lokale nieder. Die Struktur des Vergnügungsviertels änderte sich. Seit 1873 führte die Pferde-Eisenbahn vom Rosenthaler Tor zum Gesund-brunnen. Sie machte den Ort noch attraktiver und trug zur Wertsteigerung der Grundstücke bei. In der Gründerzeit entstanden fünfgeschossige Mietshäuser mit prächtigen Fassaden und hohen Turm-aufbauten, die den Wohlstand ihrer Bauherren betonten.

Mit dem Tod von Carl Gropius 1870 ging die bürgerliche Epoche des Luisenbades zu Ende. Das Badehaus fiel der Straßenverbreiterung zum Opfer. Das Brunnenhäuschen und das Restaurant mussten dem prächtigen und noch heute existierenden Neubau des „Luisenhauses“, Badstraße 39, wei-chen, das der Zimmermeister Carl Galuschki 1891 errichtete. Allerdings ließ Galuschki das Brunnen-häuschen in der Nähe wieder aufbauen. Als 1908 die Travemünder Straße parallel zur Panke über das Gelände des alten Luisenbades gelegt wurde, wurde das Brunnenhäuschen endgültig entfernt. Das „Luisenhaus“ musste um ein Drittel abgetragen werden. Galuschki ließ als Erinnerung an das Luisenbad das Relief des Brunnenhäuschens an der neuen Fassade zur Travemünder Straße anbringen.