Bericht: 2. Stadtspaziergang

Mit dem zweiten Stadtspaziergang wollten wir den südlichen Teil der Residenzstraße abhaken. Fast die ganze Gruppe der Kiezhistoriker erschien pünktlich zum Treffpunkt auf dem Franz-Neumann-Platz. Nachdem wir die herrschaftlichen Fassaden der beiden großen Mietshäuser Markstraße 3 und 4 bewundert haben und uns vorstellten, wie es wohl vor dem Krieg ohne die beidseitig angrenzenden Neubauten ausgesehen hat, wandten wir uns Richtung Süden. Die etwas unwirtliche Bebauung an der Holländerstraße, auf die wir jetzt schauten, sei schon immer so gewesen, betonte einer der alteingesessenen Bewohner. Auch das Eckhaus sei nie höher gewesen.

Hinter der angrenzenden, eingeschossigen Fassade, Residenzstraße 55, sollen sich angeblich Rocker, die „Hells Angels“, aufhalten. Gerade als wir darüber sprachen, öffnete sich das Tor, und wir konnten einen Blick in das Innere auf die Wandgemälde werfen. Wenig später versammelten sich die Rocker auf ihren schweren Motorrädern. Mit ihren muskulösen, tätowierten Körpern und den ledernen Vereinswesten wirkten sie befremdlich, und wir waren froh, die gegenüberliegende Straßenseite gewählt zu haben.

Von dort aus betrachteten wir die Häuser Residenzstraße 56 bis 61. An diesen in Höhe und Ausstattung ganz unterschiedlichen Fassaden lassen sich wunderbar die Phasen der Stadtentwicklung ablesen. Die Häuser Nr. 56, 59 und zum Teil Nr. 61 stehen mit ihrer Zweigeschossigkeit und dem klassizistischen Fassadendekor für die erste, vorstädtische Phase der 1870er Jahre. Das dreigeschossige Haus Nr. 60 dokumentiert die Phase um 1880, und die viergeschossigen Gebäude Residenzstraße 57 und 58 beschreiben den Wandel zum städtischen Mietshaus nach der Jahrhundertwende. Wir warfen einen Blick in die Hinterhöfe, die früher für das Kleingewerbe genutzt wurden, und waren erstaunt, wie stark noch der ländliche Einfluss zu spüren ist. Die wenigen Schritte durch die Hausdurchfahrt ließen uns in eine völlig andere Welt eintreten; mit den alten Werkstattgebäuden und Remisen ist sie nahezu idyllisch. Und die Höfe sind gepflegt, oft grünt und blüht es üppig, und es gibt noch alte Obstbäume. Viele aus unserer Gruppe haben gestaunt: obwohl sie hier im Kiez wohnen, haben sie doch noch nicht hinter jede Tür geschaut. Der Eigentümer des Hauses Residenzstraße 58 mit der interessanten, neugotischen Stuckfassade hatte vor Jahren versucht, in seiner Remise ein Kunstprojekt zu etablieren. Das hatte er wohl nicht lange durchhalten können. Jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Eigentlich schade…

Weiter ging´s zum gewerblich genutzten Teil des Blockes. Durch Herrn Schlickeisers Forschungen erfahren wir, dass sich hier, an der Residenzstraße 62, Ende des 19. Jahrhunderts ein Gartenlokal mit Festsaal befand: „Meinkes Festsäle“. Davon gibt es noch eine alte Ansichtskarte. 1906 erwarb der Berliner Fabrikbesitzer Albert Laue das Grundstück. Bald darauf kaufte er noch zahlreiche Nachbargrundstücke hinzu, so dass er bald den halben Block besaß, wo er seine „Zink-, Kupfer- und Messingplattenfabrik“ ausbaute. Die „Metallwerke A. Laue & Co.“ verblieben bis Mitte der 1950er Jahre an diesem Standort, danach zogen sie nach Borsigwalde. Heute besteht das Gelände aus ganz unterschiedlichen Werkstätten und Gewerbegebäuden. Markant ist das viergeschossige Backstein-Fabrikgebäude aus dem Jahr 1905, in dem seit 1955 das Bestattungsunternehmen Otto Berg residiert, das eine eigene Feierhalle besitzt.

Wir passierten das Reichelt-Grundstück mit dem großen Parkplatz, erfuhren, dass hier eigentlich der verlängerte Ritterlandweg durchgeführt werden sollte, streiften die ruhige Wohnsiedlung der Gagfah am Haßlinger Weg aus den 1930er Jahren und besichtigten etwas ausführlicher die Wohnsiedlung an der Ecke Markstraße, die 1941 vom Architekten Ernst Rosswog geplant und gebaut wurde. Die Architektur mit Satteldach und kantigen Hauslauben entspricht dem bodenständigen Stil der Nazizeit. Alle Wohnungen haben Balkone, und die Wohnlage ist sehr ruhig. In dem erhöhten, sechsgeschossigen Eckbau an der Markstraße befand sich in den 1950er Jahren ein kleines Kino, die „Filmeck-Lichtspiele“, an das sich noch einige aus der Gruppe erinnern können. Herr Schlickeiser hat sogar noch Eintrittskarten aufgehoben.

Für den Rückweg wählten wir die Ostseite der Residenzstraße und besichtigen noch die sehr schön renovierte Wohnanlage, die die Architekten H.I. und St. von Zamojski 1927-28 errichtet hatten, ein interessantes Beispiel des fortschrittlichen Wohnungsbaus in der Weimarer Republik. In dem kleinen Laden neben der Durchfahrt befand sich bis zu den 1960er Jahren die Briefmarkenhandlung Walter Ries. Herr Grühn erinnert sich noch, dass er als Junge auf einem langen Fußweg zum Arzt hier vorbeikam, die Briefmarken bewunderte und schließlich selbst zum Sammler wurde.

Anhand einer alten Karte rekonstruierten wir die kleinteilige Baustruktur vor dieser Zeit: einzelne Büdner-, Gartenhäuser und Werkstätten wechselten sich ab. Dort, wo heute das Altersheim steht, an der Residenzstraße 101, befand sich seit 1934 in einem umgebauten Schuppen ein Betsaal der „Evangelisch-Lutherischen Freikirche“, der im Krieg zerstört wurde. 1949 wurde er notdürftig durch eine kleine Holzkiche ersetzt. Als die Gemeinde mit einer anderen freikirchlichen Gemeinde fusionierte, wurden Neubaupläne für eine Kirche ad acta gelegt, die Holzkirche 1970 abgetragen und das Grundstück verkauft.

Die Vorstellung, uns endlich bei Kaffee und Keksen im Quartiersbüro auszuruhen, beschleunigte unsere Schritte. Wir bogen in die Letteallee ein, um schnurstracks den Eckladen an der Mickestraße anzusteuern. Am gerade eingeweihten Letteplatz mussten wir jedoch kurz halten, denn der Anblick der vielen spielenden Kinder und in der Sonne faulenzenden Erwachsenen erfreute uns besonders.

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