Wie Herr Grühn Briefmarkensammler wurde…

1957 war Herr Grühn Lehrling bei der AEG. Die Ausbildungsstelle lag in der Holländerstraße. Zwei Stockwerke dieses großen Hauses waren nur für die Lehrlingsausbildung reserviert. Im Hof lagen die Werkstätten, in der Mitte befanden sich die Schmiede und der alte Schlot. Heute ist alles abgerissen und neu bebaut, bis auf die Schmiede und den Schornstein, weil sie unter Denkmalschutz stehen. Grühn hatte sich an einer Maschine verletzt und sich fast die Fingerkuppe abgeschnitten. Die Betriebs-Krankenschwester leistete erste Hilfe, rief dann ein Fahrzeug und schickte damit den Patienten zum Unfallarzt in die Badstraße. Im Wartezimmer färbte sich der Verband trotz dicker Verpackung rot. Die Wunde hörte nicht auf zu bluten. Ein wartender Patient starrte unablässig auf die verbundene Hand. Plötzlich wurde sein Gesicht grün, er würgte und verließ eilig den Raum… Später hat der Arzt Grühns Fingerkuppe angenäht. In den darauf folgenden Wochen musste Grühn den Unfallarzt noch mehrmals aufsuchen. Er wohnte bei seinen Eltern in Wittenau. Zur Badstraße hätte er die Straßenbahn 68 nehmen und in die 41 umsteigen müssen. Da er geizig war und die 60 Pfennig sparen wollte, die Hin- und Rückfahrt gekostet hätten und die er von der AOK bekam, ging er zu Fuß. An der Residenzstraße lag ein Backsteingebäude aus den 1920er Jahren mit einem winzigen Briefmarkengeschäft. Herr Riess, Besitzer des Ladens, war ein kleiner schlanker Mann mit welligem Haar. Er hatte neben dem Laden einen großen Schaukasten angebracht, den er mit Briefmarken aus aller Welt bestückte. In dem winzigen Schaufenster lagen Pinzetten, Kataloge und Einsteckbücher. Als Grühn die Auslagen bewunderte, fiel ihm ein, dass er selbst einige Briefmarken aus Berlin und aus der Bundesrepublik Deutschland aufbewahrt hatte. Dann ist Grühn in den Laden eingetreten und fragte nach einem Katalog. Den gab es damals nur in schwarz-weiß.

Jetzt intervenierte Herr Schlickeiser. Es war ihm wichtig, genau zu erklären, wie unmittelbar nach dem Krieg das Postwesen in Berlin funktioniert hat. Als 1945 die Russen einmarschiert sind, haben sie die Reichspost für aufgelöst erklärt und eine Berliner Magistratspost eingerichtet. Die damals herausgegebenen Briefmarken nannten sich „Bärenserie“. Es gab sogar einen Stadtrat für das Post-und Fernemeldewesen. Dann teilten die Alliierten Berlin und Deutschland in vier Teile, und die Russen, die Amerikaner und Engländer sowie die Franzosen hatten ihre eigene Postverwaltung und teilweise eigene Briefmarken. Die Magistratspost bestand weiter. Nach der Währungsreform der westlichen Alliierten wurde eine neue Briefmarkenserie („Arbeiterserie“) herausgegeben, die in Berlin einen schwarzen Aufdruck (BERLIN) erhielten. Die Berliner verfügten sowohl über Ost- als auch Westgeld (bei den Löhnen max. 25 Prozent). Man konnte die Briefmarken in unterschiedlichen Postämtern für Ost- oder Westgeld erstehen. Das Ostgeld war aber weniger wert, und so konnten findige Berliner die Situation für sich ausnutzen. Es gab also bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949 ein ziemliches Durcheinander, was man heute noch an alten Briefmarken nachvollziehen kann. Bis zur Wende 1990 unterschieden sich noch die Briefmarken von West-Berlin und der Bundesrepublik durch die Aufdrucke „Deutsche Bundespost“ bzw. „Deutsche Bundespost Berlin“, weil Berlin (West) kein Bundesland der Bundesrepublik war.

Herr Grühn zeigte uns einige Exemplare und erzählte weiter, dass er von seinem Lehrlings-Monatslohn in Höhe von 50 DM im Postamt Goethestraße den ersten Grundstock an Briefmarken erstand. Der Postbeamte hinter dem Schalter hatte den Auftrag sehr ernst genommen und jede Briefmarke genauestens inspiziert und nur mit der Pinzette berührt. Das dauerte, und die Schlange hinter Grühn wuchs an. Aber der Postbeamte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Im Lauf unserer Zusammenkunft erfuhren wir viele Details aus dem Sammleralltag, zum Beispiel, dass die modernen Briefmarkenalben mit farbigen Vordrucken ausgestattet und sehr teuer sind, was es mit den Stempeln auf sich hat, wie die Zahnung beschaffen ist und dass Selbstklebe-Marken Sammlern weniger Freude machen. Natürlich wollten wir noch etwas über die berühmten Marken wie die Blaue Mauritius und den Schwarzen Einser hören. Auch Kuriositäten wie die nur in wenigen Exemplaren erschienene Audrey-Hepburn-Marke wurden erwähnt. Herr Grühn war Spezialist für Marken aus Deutschland. Als nach den 1980er Jahren der Sammlerwert für diese Marken fiel, verkaufte er sie nach und nach für recht ansehnliche Summen. Schließlich resümierte er: Das Sammeln von Briefmarken bildet. Man lernt wichtige Persönlichkeiten, Orte und Bauwerke kennen und durch die besonderen Ereignisse auch die Weltgeschichte. Das bestätigte Herr Schlickeiser: In seiner Jugend konnten Briefmarken ein Ersatz für Erdkunde- und Geschichtsbücher sein, die es nach dem Krieg in den Schulen noch nicht gab.

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