Erzählcafé mit Pfarrer Sellin-Reschke

Bericht vom Erzählcafé mit Pfarrer Sellin-Reschke am Dienstag, dem 9. August 2011

Der Tisch in der Evangeliumsgemeinde ist gedeckt, Kekse und Kaffee stehen bereit. Pfarrer Sellin-Reschke gießt ein. Dann berichtet er, dass er hier seit 2007 Pfarrer ist. Den 5 400 Gemeindegliedern stehen zurzeit 1,75 Pfarrstellen gegenüber. Vor 10 Jahren gab es noch 3 Pfarrstellen. Er selbst hat eine Dreiviertel-Stelle.

Die Evangeliumsgemeinde ist zurzeit mit dem Bau eines Gemeindezentrums (mit Kita) befasst. Künftig soll das Gemeindeleben nur noch an einem Standort, nämlich an der Kirche stattfinden. Das weiter entfernte Gemeindehaus, Baujahr 1905, Umbauten aus den 1960er Jahren, ist bereits verkauft worden. Viele helfen mit, den Neubau zu finanzieren: das Land Berlin (für die Kita), die evangelische Landeskirche, der Kirchenkreis, die Gemeinde selbst durch ein geerbtes Mietshaus, von dessen Mieterträgen ein Kredit finanziert wird, sowie viele Gemeindeglieder durch das, was sie beisteuern können. Da das Kirchengrundstück relativ klein ist, kann die Kita nur noch mit 55 Plätzen statt zurzeit mit 65 ausgestattet werden. Auch für die Gemeindearbeit wird weniger Platz zur Verfügung stehen, doch mit Mehrfachnutzungen lassen sich gute Lösungen finden. Das neue Haus wird dafür viel weniger Energie verbrauchen, und das wird allen zugute kommen.

Zu den wichtigen Aufgaben der sozialen Diakonie zählt das Projekt „Laib und Seele“, das Harz-IV-Empfänger mit noch guten, aber nicht mehr verkaufbaren Lebensmitteln versorgt. Hier engagieren sich ausschließlich ehrenamtliche Helfer, manchmal macht auch einer von den Kunden mit. Leider findet das Projekt in der Teichstraße statt und nicht in der Kirche, so dass vielen Kunden gar nicht bewusst ist, wer der Initiator ist. Ein weiteres Projekt ist der Nachhilfeunterricht, der im Nachbarschaftszentrum unter der Regie einer Sozialpädagogin angeboten wird, gestützt von vielen Ehrenamtlichen. Schließlich bleibt die klassische Gemeindearbeit mit Konfirmandenunterricht, Seniorenkreis, Betreuung der Kita und der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, die ebenfalls große sozial-diakonische Aufmerksamkeit erfordert. Es gibt ein starkes soziales Gefälle im Reinickendorf und eine große Bedürftigkeit im Kiez.

Die Anforderungen an die Kirche haben sich im Lauf der Zeit verändert. Abnehmende Mitgliederzahlen und sinkende Kirchensteuereinnahmen erfordern eine größere Offenheit. Trotzdem muss die Kirche ihr Profil wahren. Es gibt Menschen, die nicht in der Kirche sind, und dennoch beispielsweise kirchlich getraut werden möchten. Allgemein ist die Sehnsucht nach Spiritualität, dem Gegenteil des Weltlichen, groß. In einem Wohngebiet mit einer aus vielen verschiedenen Nationen zusammengesetzten Bevölkerung kann Kirche Mission bedeuten. Es geht darum, einfache, richtige Worte zu finden, um die Menschen zu begeistern. Kirche ist aber auch Rückzugsgebiet für „Menschen ohne Migrationshintergrund“. In der Kita der Gemeinde, zum Beispiel, wird Wert auf die kulturelle Mischung gelegt. Alle können davon profitieren, und wenn es nur der Grill ist, der im Rahmen eines gemeinsamen Festes von muslimischen Eltern während einer Andacht gehütet wird.

Sellin-Reschke wird bis 2017 Pfarrer der Evangeliumsgemeinde sein, dann wird er an eine andere Gemeinde versetzt. So sind die Vorschriften. Angesichts langfristiger Projekte wie das Bauvorhaben erscheint ihm diese Zeit recht knapp. Abschließend verlas er einen Segen. Wir, die Mitglieder des Erzählcafés, bedanken uns herzlich bei Pfarrer Sellin-Reschke und der Evangeliumsgemeinde für diese aufschlussreichen beiden Stunden.

Kommentieren