Erzählcafé am Dienstag, 11. Oktober 2011, mit Horst und Margrit B.

Wir versammelten uns im Quartiersbüro. Herr Kraus hatte seinen Urlaub in Sardinien verbracht und brachte uns süße Köstlichkeiten mit. Dann fing Margrit B. an zu erzählen: Sie wurde im Januar 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, in Schlesien geboren. Nach Schlesien sind viele Berliner Mütter geschickt worden, um den Bombenangriffen auf Berlin zu entgehen. Allerdings waren die Russen schon beim Marsch auf Berlin, so dass Margrits Mutter fluchtartig nach Berlin zurückkehrte. Ein Vierteljahr später fiel der Vater bei den Kämpfen um Berlin, nach zwei Jahren starb die Mutter. Margrit und ihr vier Jahre älterer Bruder wurden von der Großmutter erzogen, die in Pankow wohnte. Es war damals, nach dem Krieg, fast normal, dass Kinder nur mit einem Elternteil aufwuchsen. Margrit aber war die einzige in ihrer Klasse, die weder Vater noch Mutter hatte. Trotzdem hatte sie eine glückliche Kindheit. Die Großmutter war eine couragierte Frau. Sie trachtete danach, dass die Kinder möglichst rasch die Schulzeit hinter sich bringen, weil sie fürchtete, nicht so lange zu leben. Aber sie wurde 92 Jahre alt.

Nach der zehnjährigen Schulzeit, entschied sich Margrit., in die Fußstapfen des Vaters zu treten und bei „der Vermessung“ zu lernen, d. h. Vermessungsfacharbeiter zu werden, wie der Beruf in der DDR genannt wurde. Auch der Bruder hatte sich dafür entschieden. Nach der Ausbildung und ersten Berufserfahrungen hängte Margrit noch ein Studium an und ging dafür nach Dresden, denn in der DDR konnte man nur in der dortigen Fachhochschule Vermessungskunde studieren. Sie schloss als Vermessungsingenieur ab. Margrit ging wieder zu dem Berliner Betrieb zurück, der sie zum Studium geschickt hatte. In der Zeit der Ausbildung und des Studiums fand sie Gleichgesinnte, mit denen sie sich zusammentat und die freie Zeit gemeinsam verbrachte. Dort kam sie ihrem späteren Mann näher, den sie bereits bei einer der gemeinsamen, privat organisierten Wanderungen kennengelernt hatte.

Margrit war weder bei den Jungen Pionieren noch hat sie die Jugendweihe miterlebt. Sie wurde konfirmiert. In ihre Klasse ging die Tochter von Walter Ulbricht (dem Staatsratsvorsitzenden der DDR), und die Lehrerin, eine „rote Socke“, wollte, dass die Klasse vollständig bei der FDJ mitmacht. Margrit hatte sich aber zurückgehalten; deshalb schrieb man ihr eine Bemerkung über ihre „fragwürdige Haltung zum Staat“ ins Zeugnis. Damit hätte sie sich die berufliche Karriere verderben können. Da Margrit und auch ihr Bruder sehr gute Schüler bzw. Lehrlinge waren, wurde später nichts mehr dazu gesagt. Während des Studiums war Margrit Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, um wenigstens in einer der gesellschaftlichen Organisationen zu sein, wie es verlangt wurde. Glücklicherweise wurden die meisten ihres Jahrgangs nicht so behelligt, wie später die Jüngeren, die für ihre Karriere das Parteiabzeichen tragen mussten.

Während des Studiums musste man eine vormilitärische Ausbildung absolvieren. In dieser Zeit wohnte Margrit in einem Internat. Einmal hatte sie Freunde aus Schweden zu Besuch. Um mit ihnen ihren letzten Ferientag zu verbringen, hatte sie sich von der Truppe entfernt. Außerdem hatte der Besuch mitbekommen, dass dort Kriegmaterial abgeladen wurde. Margrit wurde ein Disziplinarverfahren angedroht. Als sie das nächste Semester antreten wollte, begegnete sie dem Rektor, der nur eine Bemerkung zu ihrem Verhalten machte, sie aber nicht bestrafte. Sie konnte in Ruhe weiter studieren. Dann lernte sie ihren Mann kennen, den sie 1974 heiratete.

Horst B. wurde 1947 in Feldberg/Mecklenburg geboren. Seine Jugend verbrachte er in Neustrelitz. Von klein auf besuchte er jedes Wochenende den Hof seiner Großeltern in der Nähe von Feldberg. Er liebte diesen Hof und wollte so oft wie möglich dort sein. Weil er den Weg mit der Bahn und anschließend noch drei Kilometer Fußmarsch durch den Wald allein machen musste, hängten ihm seine Eltern ein Schild  mit seinem Namen und der Adresse um den Hals und schickten ihn los. Wenn es irgend möglich war, holte ihn sein Großvater mit dem Pferdewagen vom Bahnhof ab. Nach dem Schulabschluss, 10. Klasse, wusste er nicht so recht, was er lernen sollte. Eigentlich wollte er Landwirt werden. Doch Großvater und Onkel rieten ihm angesichts der in den 1960er Jahren durchgeführten Kollektivierung der Landwirtschaft ab: „Es wird dir nicht gelingen, den Hof zu bekommen.“ So wurde er Großhandelskaufmann. Neben seiner Arbeit im Ausbildungsbetrieb machte er noch ein Fernstudium und qualifizierte sich zum Ökonom. Dann wurde er Abteilungsleiter bei der Branche für Uhren und war verantwortlich für die Versorgung des Bezirkes Neubrandenburg. Später ging er nach Rostock und sattelte um zur Agrotechnik; er wandte sich also wieder der Landwirtschaft zu. Der Betrieb „Landtechnik“ versorgte den Bezirk Rostock mit Reparaturen, Ersatzteilen und Landmaschinen. Horst war im Bereich der Abrechnungen beschäftigt. Es ging ihm gut dort, er hatte 22 Mitarbeiter und kam im Bezirk herum. Dann lernt er seine Frau kennen.

Ihretwegen gab er Rostock auf, weil ihre Großmutter nicht mehr allein bleiben konnte. 1973 zogen sie nach Berlin. In Pankow wohnten sie zusammen mit der Großmutter in einer 1 1/2-Zimmerwohnung. Die Großmutter war schon über 80, aber noch rüstig, und hat für das junge Paar gekocht. Es gab feste Zeiten für´s Essen, die eingehalten werden mussten. Später fand sich in der Nähe eine kleine Wohnung, in der Großmutter bis zu ihrem Tod lebte. Bis 1979 blieb das Paar in der 1 1/2-Zimmerwohnung. 1976 wurde der erste Sohn geboren, und sie waren wieder zu dritt. 1979 gab es eine Tauschmöglichkeit nach Wilhelmsruh: eine AWG-Wohnung ganz oben mit 2 1/2 Zimmern (54 qm) und Ofenheizung, ein Zimmer hatte eine Außenwand-Gasheizung. Die Wohnung lag dicht am Grenzgebiet; abends konnte man den erleuchteten Funkturm sehen. Damals in der DDR war es sehr schwierig, eine Wohnung zu bekommen. Man musste sich lange anmelden und dann noch zahlreiche „Aufbaustunden“ absolvieren. Für eine größere Wohnung musste man mehrere Kinder nachweisen, die manchmal schon fast erwachsen waren, wenn man eine Wohnung bekam.

Frau B. hatte nach der Geburt des zweiten Sohnes die Möglichkeit zu Hause zu arbeiten. Sobald das Kind schlief, rollte sie die Karten auf dem Wohnzimmertisch auf und arbeitete an Lageplänen und Stadtkarten im Maßstab 1: 1000.

Herr und Frau B. sind nie Genossen gewesen. Sie gehörten zur Jungen Gemeinde, wurden deshalb aber nicht verfolgt. Sie hatten Westkontakte, schrieben sich mit Verwandten und Freunden, haben aber zu DDR-Zeiten keine West-Reise unternommen. Wir diskutierten noch weitere Themen, z.B. wie es den Landwirten nach der Zwangskollektivierung gegangen ist. Meistens blieb ihnen ihr Wohnhaus und der Garten, den sie noch außerhalb der Arbeit bei der LPG bewirtschafteten.

Nach Reinickendorf kamen die B´s über einen Kontakt mit der Steglitzer Wohnungsbaugenossenschaft. 2001 wurde ihnen eine 2 2/2 Zimmer in der Humboldtstraße angeboten, die sie gerne annahmen. Es war nicht weit zur alten Heimat Wilhelmsruh, wo die beiden noch immer aktiv in der Kirchengemeinde sind. Seit einem Jahr leben sie in ihrer neuen Wohnung in der Letteallee.

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