1. Stadtspaziergang, Samstag, 31. März 2012

Es war kalt und windig, als wir uns um 14 Uhr am Kinderzentrum trafen. Ein starker Regenschauer veranlasste Herrn Kraus, uns alle zu sich einzuladen, damit wir uns nicht beim Durch-die-Gegend-Laufen einen Schnupfen zuziehen würden. Doch wir lehnten eisern ab. Es war ein richtiges Aprilwetter, und da scheint auch mal die Sonne. Herr Schlickeiser schlug vor, einen Teil des Schäfersees zu umrunden und dann den Weg in Richtung der ehemaligen Eisfabriken zu nehmen.

Der Schäfersee entstand am Ende der Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren. Ein liegen gebliebener Eisblock war von Geschiebematerial überdeckt worden und blieb als Toteis zurück. Beim Schmelzen füllte sich die etwa 7 Meter tiefe und 4,5 Hektar umfassende Kuhle mit Wasser. Über Gräben, in westlicher Richtung über den schwarzen Graben, wurden die früheren Felder in den See entwässert. Um die Jahrhundertwende befand sich am östlichen Ufer eine Badeanstalt. In den 1920er Jahren ließ das Bezirksamt Reinickendorf um den See einen Park anlegen. Der Entwurf stammte vom Obergarteninspektor Karl Löwenhagen. Noch heute sind die Grundgedanken zu erkennen. Alle auf den See zuführenden Straßen – und auch einige Wohnanlagen – sind in die Parkgestaltung einbezogen worden. So sind die Straßen oft als Alleen ausgestattet, die, wie die Brienzer Straße, auf einem Aussichtsplateau enden, oder, wie die Baseler Straße, mit einer Promenade verbunden werden. Das heutige „Haus am See“ wurde 1926 als Kindertagesstätte mit großem Spielplatz erbaut. An der Holländerstraße gibt es zwischen den 1930/31 von Fritz Beyer erbauten, expressionistisch anmutenden Häusern eine große Grünfläche, die ursprünglich ein tiefer gelegter Staudengarten war. Bedauerlicherweise ist von dieser bewusst auf den Landschaftraum ausgerichteten Planung nichts mehr zu spüren. Nach dem Krieg wurden die in Teilen zerstörten Häuser wieder aufgebaut und eine dem Geschmack der 1950er Jahre entsprechende Grünfläche angelegt.

Wir bewunderten die nach dem Krieg mit Trümmerschutt angelegte kleine Insel im Norden des Sees, die gerade im Vorfrühling sehr romantisch wirkte, und bogen nach Norden in den breiten grünen Weg zwischen den Kleingärten ein. Hier befanden sich die großen Eisteiche der Fabriken Mudrack und Thater, die sich bis zur Emmentaler Straße im Norden und der Aroser Allee erstreckten. Als man die Eisgewinnung aufgab, entstand hier die Kleingartenkolonie Mariabrunn. Von den Eisfabriken gibt es noch einige Mauerreste, Teile eines Fabikgebäudes sowie einen halben Schornstein, die links des Weges liegen. Westlich, an der Mudrackzeile, befindet sich ein Wohnprojekt des Eisfabrikanten Wilhelm Rohrbeck. Es besteht aus vier Wohnzeilen, die von 1930-32 errichtet wurden. Die geplante Wohnanlage sollte mit 870 Wohnungen viel größer werden und auch ein Hallenbad umfassen, das mit dem aus der Eisproduktion abfallenden Warmwasser gespeist werden sollte. Wegen der Wirtschaftskrise konnte aber nur dieser erste Bauabschnitt realisiert werden. Bemerkenswert sind die Fassadengestaltung der Eingangsbereiche sowie die Bärenskulptur im Hof.

Unser nächster Haltepunkt war der ehemalige Industriehof der AEG, Aroser Allee,  Ecke Holländerstraße. Dort wurden damals Lehrlinge ausgebildet. Schade, dass Herr Grühn, der dort gelernt hatte, nicht dabei war, er hätte uns bestimmt viel erzählen können. Ursprünglich handelte es sich um die 1908 erbaute Luxuspapierfabrik Albrecht & Meister. Sie wurde in den 1920er Jahren von der AEG übernommen und nach und nach erweitert. Dass der Industriehof damals vorbildlich mit Büro- und Werksräumen sowie mit Kraftanlage, Kesselhaus, Werkstätten und Kantine bebaut war, ist leider heute nicht mehr nachvollziehbar. Etwa die Hälfte wurde zugunsten moderner Büroräume und eines Hotels abgerissen. Erhalten sind die Bürofront an der Aroser Allee und das Kesselhaus mit dem Schornstein, das als Restaurant ausgebaut wurde. Die Umwandlung in eine Dienstleistungsnutzung scheint zu einer Aufwertung der Umgebung beizutragen. Wenn dann auch noch der Flughafen Tegel geschlossen ist, wird man in dem Hotel sehr gut schlafen können.

In der Rütlistraße führte uns Frau Schiemann in einen Hof, wo noch die Remisen erhalten sind. Heute sind es Garagen. Sie aber hat es noch erlebt, dass hier Hühner und Kühe gehalten wurden. In einem der kleinen Hofgebäude konnte man Eier, Milch und Käse kaufen.

Hier überfiel uns ein schwerer Hagelsturm. Wir konnten unsere Schirme kaum festhalten. So passierten wir schnell den südlichen Weg am Schäfersee, warfen noch einen Blick auf die Galerie der Bäume des Jahres und steuerten das Café am See an. Ein wunderbar gedeckter Tisch wartete auf uns, und wir wärmten uns bei Kaffee und Kuchen wieder auf. Welche Freude, dass Frau Rusch trotz ihres schmerzhaften Knies auch noch dazu kam. Herr Schlickeiser überraschte uns mit historischen Fotos, auch aus seiner Jugendzeit am Schäfersee. Und dann kam die Sonne wieder heraus.

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