Erzählcafé am 27. April 2012

Diesmal wieder eine ruhige Zusammenkunft im Kinderzentrum. Wir reflektieren unseren letzten Stadtspaziergang. Das ehemalige AEG-Gelände hatte es uns besonders angetan, weil drei aus unserer Gruppe dort beschäftigt waren oder dort ausgebildet wurden, allerdings zu jeweils anderen Zeiten. Herr Grühn berichtete, dass in dieser zentralen Ausbildungsstätte seine Lehrlingszeit verbrachte. Dort wurden u. a. Dreher, Schlosser, Werkzeugbauer ausgebildet, und alle sollten mit einer guten Note abschließen. Mittags konnte man in der großen Kanntine verschnaufen. Herr Schulze lernte dort ebenfalls, bevor er sein Ingenieurstudium begann, und Herr Schlickeiser sicherte sich dort 1960 seinen Unterhalt als Werkstudent, indem er Schilder auf gerade hergestellte Zähler aufnietete.

Dann gingen wir zu unserem neuen Thema über: die Badstraße in Wedding. Unser nächster Ausflug soll uns nämlich zum ehemaligen Luisenbad führen, das mit der räumlichen Entwicklung der Badstraße im Zusammenhang steht. Letzlich besteht auch ein Bezug zum Quartier am Letteplatz, denn die Badstraße beginnt als historische Ausfallstraße am Rosenthaler Tor, wo sie heute Brunnenstraße heißt. Deren Verlängerung ist die Residenzstraße, die in Reinickendorf liegt. Wie wir wissen, hat sich Berlin ringförmig ausgedehnt, und als der Wedding Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung immer enger mit Wohnungen bebaut wurde und aus den Nähten platzte, zogen die Menschen weiter in den Norden und siedelten sich auch am Letteplatz an.

Die Badstraße verwandelte sich im Lauf der Geschichte von einem ländlichen Weg zur bürgerlich-vorstädtischen Chaussee und Ende des 19. Jahrhunderts zur Vergnügungs- und Einkaufsmeile in einem proletarischen Wohnumfeld. Zum Ende des 20. Jahrhunderts verdeutlicht die Straße durch den Zuzug einer Vielfalt von Migranten erneut einen sozialen Wandel. Wenn man aufmerksam durch die Straße geht, kann man noch viele Hinweise auf alte Zeiten entdecken, vorausgesetzt, man sucht sie. Wer nicht weiß, dass es direkt an der Panke eine Quelle gab, die sich zu einem Ausflugsziel entwickelte, an dem sogar Villen entstanden und in deren Umgebung sich später ein Vergnügungsviertel mit Gartenrestaurants und Theatern herausbildete, der findet auch nicht das Relief mit dem Brunnen-häuschen an der Hauswand Badstraße 39.

Alles begann mit Entdeckung der Quelle neben der Panke, die dort mit zwei Armen eine kleine Insel umschloss. Angeblich soll König Friedrich I. nach einem Jadausflug begeistert von der Frische dieses Wassers gewesen sein. 1757 wies der Arzt und Hofapotheker Heinrich Wilhelm Behm die besondere Eigenschaft des Wassers nach und überzeugte Friedrich II., ihm zu erlauben, einen Brunnen anzulegen. Das Gelände wurde „Friedrichs-Gesundbrunnen“ genannt, und es entstand ein Brunnen- und Badebetrieb, der im Lauf der Geschichte wechselnden Erfolg verzeichnete. Der Badebetrieb zog zunächst ein bürgerliches Publikum an, das dort seine Villen errichtete. Das Gelände des Bades wurde mehrfach verkauft. 1845 erwarb es der Seidenfabrikant und Bühnenmaler Carl Gropius, der dem Bad, das inzwischen nach Königin Luise „Luisenbad“ genannt wurde, das Flair eines eleganten Erholungsortes verlieh.

Mit der Industrialisierung veränderte sich die Gesellschaft am Gesundbrunnen. In das nun dicht mit mehrgeschossigen Mietshäusern bebaute Gebiet zogen die Arbeiter ein, die in den nahe liegenden Industrieanlagen Arbeit fanden. In der Chaussee- und Ackerstraße lag das Zentrum des Maschinen- und Lokomotivbaus. In der Badstraße ließen sich neue Lokale nieder. Die Struktur des Vergnügungsviertels änderte sich. Seit 1873 führte die Pferde-Eisenbahn vom Rosenthaler Tor zum Gesund-brunnen. Sie machte den Ort noch attraktiver und trug zur Wertsteigerung der Grundstücke bei. In der Gründerzeit entstanden fünfgeschossige Mietshäuser mit prächtigen Fassaden und hohen Turm-aufbauten, die den Wohlstand ihrer Bauherren betonten.

Mit dem Tod von Carl Gropius 1870 ging die bürgerliche Epoche des Luisenbades zu Ende. Das Badehaus fiel der Straßenverbreiterung zum Opfer. Das Brunnenhäuschen und das Restaurant mussten dem prächtigen und noch heute existierenden Neubau des „Luisenhauses“, Badstraße 39, wei-chen, das der Zimmermeister Carl Galuschki 1891 errichtete. Allerdings ließ Galuschki das Brunnen-häuschen in der Nähe wieder aufbauen. Als 1908 die Travemünder Straße parallel zur Panke über das Gelände des alten Luisenbades gelegt wurde, wurde das Brunnenhäuschen endgültig entfernt. Das „Luisenhaus“ musste um ein Drittel abgetragen werden. Galuschki ließ als Erinnerung an das Luisenbad das Relief des Brunnenhäuschens an der neuen Fassade zur Travemünder Straße anbringen.

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