Besuch des ehemaligen Luisenbades an der Badstraße in Wedding, 15. Mai 2012

Dass sich hier an der Badstraße ein

geschichtsträchtiger Ort befindet, verraten höchstens die beiden prächtigen Hausfassaden an der östlichen Seite der Badstraße, und nur wenige Menschen bemerken, dass man hier die Panke überquert. Die Reste des von uns aufgesuchten Luisenbades liegen im Hinterhof, den man über die schmale, grüne Travemünder Straße neben der Panke erreichen kann. Hier war unser Treffpunkt. Heute sind die noch erhaltenen Gebäude des ehemaligen Bades in den interessanten Neubau der Stadtbibliothek integriert. Einst umfasste das Luisenbad eine riesige Waldfläche, die sich auch über die westliche Straßenseite bis zur heutigen Prinzenallee und Pankstraße ausdehnte. Sie wurde in einen Kurpark mit Brunnenhäuschen Badeanstalt, Gastwirtschaft und Sommerhäusern umgewandelt, der jedoch ab 1856 parzelliert und bis 1873 bebaut wurde. Neben den alten Brunnenanlagen blieb nur ein einziges großes Grundstück übrig, auf dem ein Vergnügungsetablissement mit Schwimmbad, Kegelbahnen, Tanzhallen und Kaffeeküche entstand. Es wurde „Marienbad“ genannt. Der neue Besitzer des Marien- und Luisenbades, Carl Galuschki, errichtete dort das noch heute existierende, reich geschmückte Mietshaus Badstraße 38/39 mit dem Brunnen-Relief an der zur Panke hin orientierten Fassade. Das Mietshaus verkaufte er weiter, aber den Saalbau im Hofinneren vergrößerte er 1910 für ein Kino. Das „Lichtspieltheater Marienbad“ existierte dort bis in die Nachkriegszeit. Die in der Zwischenzeit heruntergekommene Luisenquelle wurde versiegelt. Ende der 1970er-Jahre wurde das Vorderhaus an der Badstraße saniert. Die Hofgebäude sollten abgerissen werden. Der Kinosaal war bereits abgetragen, als die Denkmalpflege beschloss, die restlichen Gebäude zu erhalten und unter Denkmalschutz zu stellen. Das „Vestibül“ des ehemaligen Tanzsaals  und das „Comptoir“ wurden in das neue Konzept, hier die Stadtbibliothek zu errichten, einbezogen, die am 1. November 1995 ihren Betrieb aufnahm.

Das hinter der Badstraße versteckte Kleinod begeisterte uns. Schön, dass wenigstens der historische Eingangsbereich zu den ehemaligen Tanzsälen noch erhalten ist und auch die Front des Cafés. So kann man sich ein wenig in die alten Zeiten hineinversetzen. Auch die Balustrade an der Pankebrücke deutet auf das ehemalige Etablissement hin. Die Bibliothek, die von einigen unserer Kiezhistoriker regelmäßig besucht wird, hat durch die Einbeziehung der alten Gemäuer eine einzigartige Atmosphäre erhalten.

Am gegenüberliegenden Ufer der Panke befindet sich eine alte Wassermühle, die um 1844 erbaut wurde. Sie war bis 1891 in Betrieb und ist das älteste erhaltene Wohn- und Gewerbehaus an der Badstraße. Schon 1714 wurde dort eine Walkmühle und ab 1731 eine Papiermühle errichtet. 1890 erwarb der Fabrikant Carl Arnheim das Mühlengelände zwischen den beiden Pankearmen und erbaute dort die Tresorfabrik S. J. Arnheim. Sie bestand aus einem Fabrikgebäude, vier großen Schuppen, einem Inspectorhaus und einem Wohngebäude. Architekt war Wilhelm Martens, ein früherer Mitarbeiter von Martin Gropius. Erhalten sind noch das Wohnhaus an der Badstraße und die Shedhallen, die man 1897 als zweite große Produktionsstätte errichtete. Heute dienen die denkmalgeschützten Hallen Berliner Künstlern als Bildhauerwerkstatt. Der westliche Pankearm wurde zugeschüttet, der östliche Flussarm begradigt und mit einer Ufermauer befestigt. Die alte Mühle wurde zur Druckereiwerkstatt ausgebaut. In die neuen Räume zog die Redaktion der 1887 gegründeten Gesundbrunner Zeitung „Die Quelle“. 1938 endete die Geschichte der traditionsreichen Tresorfabrik der jüdischen Familie Arnheim mit einer Zwangsversteigerung. Die Witwe des 1905 verstorbenen Fabrikanten, Dorothea Arnheim, und ihre beiden Söhne Felix und Siegmund Arnheim wurden von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern ermordet.

Nach so viel Geschichte liefen wir das Gelände des ehemaligen Luisenbades ab und warfen noch einen Blick auf die St. Pauskirche, die Karl Friedrich Schinkel 1835 als erstes Gebäude auf der westlichen Seite der Badstraße gebaut hatte. Die St. Paulskirche am Gesundbrunnen ist eine von vier Schinkel-Kirchen, die  fast gleichzeitig entstanden. Die anderen drei sind: die Elisabethkirche in der Rosenthaler Vorstadt, die Nazarethkirche auf dem Wedding und die Johanniskirche in Moabit. Nach dem Verkauf dieses ehemaligen Parks wurde das Gelände 1896 parzelliert und mit fünfgeschossigen Mietshäusern bebaut. Um die niedrige Kirche nicht ganz darin verschwinden zu lassen, errichtete man 1889 einen Glockenturm in Form eines Campanile, der die Häuser überragt. 1911 entstand als Anbau an die Kirche ein großes Gemeindehaus.

Zum Ausruhen und Kaffeetrinken setzten wir uns in der benachbarten Buttmannstraße in einen Hofgarten. Der Straßenname stammt übrigens von Philipp Buttmann, der ab 1858 Pfarrer an der Paulsgemeinde war und die Entwicklung des Gebietes 28 Jahre lang beobachtet und protokolliert hat.

Im Garten erfahren wir, dass dieses  und das Nachbargrundstück bis zu den 1980er-Jahren jeweils noch mit einem Seitenflügel und einem Quergebäude bebaut waren, die im Zuge einer staatlich geförderten Sanierung abgerissen wurden. Wir erhalten auch Informationen über die aktuelle soziale Situation in der Buttmannstraße und dass das Vermietungsmanagement Feingefühl erfordert.

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