Spaziergang durch Alt-Reinickendorf

Bericht von der Zusammenkunft der Kiezhistoriker am Dienstag, 12. Juni und vom Kiezspaziergang durch Alt-Reinickendorf am Samstag, 30. Juni 2012

Wir haben ein neues Mitglied gewonnen! Unsere Werbungen auf dem Lettefest waren also nicht ganz vergeblich. Nach einer erneuten Vorstellungsrunde stürzen wir uns in unser heutiges Thema: Der Dorfkern Alt-Reinickendorf. Herr Schlickeiser stellt seinen „Historischen Spaziergang“ zur Verfügung, den er 1993 schon veröffentlicht hat, und Herr Schulze hat eine wunderschöne, farbige Karte vom Dorfkern mitgebracht, die etwa aus Mitte des 18. Jahrhunderts stammt. Die beiden Experten sind nicht zu bremsen und führen uns in die Geschichte des Dorfes ein. Das Dorf wurde von Siedlern im Zuge der Ostkolonisation um 1238 angelegt. Es ist ein Angerdorf, das sich an einer ost-westlich verlaufenden Straße erstreckt. Auf dem Anger fanden die Kirche, der Kirchhof und zwei Dorfteiche Platz. Die Gehöfte der Siedler reihten sich zu beiden Seiten auf schmalen, langen Grundstücken jenseits des Angers auf. Rückwärtig lagen Nutzgärten und Hofäcker. 1740 gab es 20 bebaute Grundstücke, darunter 7 Bauern-, 6 Kossätenhöfe, die Hofanlagen des Lehnschulzen, des Dorfkrugs und des Magistratsvorwerks sowie 2 wüste Höfe. Die Straße war mit Wegen verknüpft, die zu den Nachbardörfern in und um Berlin führten. Die ursprüngliche Straßenform hat sich bis heute erhalten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Straße gepflastert. Auch stand schon im 18. Jahrhundert ein Schulhaus auf dem Anger (Schulpflicht in Preußen ab 1717), das aber nur bis 1906 als Lehranstalt genutzt wurde, dann wurde die große Schule in der Lindauer Straße eingeweiht. Das Dorf und große Teile der umliegenden Felder gehörten bis zur Separation 1821-1842 dem Magistrat von Berlin. Die Bauern waren zu Abgaben verpflichtet.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden dicht an der Dorfmitte zahlreiche Industriebetriebe, die den dörflichen Charakter veränderten. Mit den Betrieben wurden große Mietshäuser gebaut, um die Nachfrage der hinzuziehenden Arbeiter nach Wohnraum befriedigen zu können. Wichtige Industriebetriebe waren die Daimon-Werke GmbH, die Maschinenfabriken Albrecht Schwartzkopf und Prometheus GmbH, die Ventilatoren- und Apparatebaufabrik Turbon, deren Gebäude zumeist wieder Wohnhäusern weichen mussten. Doch das wollen wir uns genauer vor Ort ansehen.

Wir treffen uns am Samstagnachmittag bei sehr warmem Wetter vor der kleinen Dorfkirche aus Feldsteinen. Wir hatten schon erfahren, dass wir nicht in das Gotteshaus hineingehen dürfen, finden doch an den Sommerwochenenden rund um die Uhr Hochzeiten oder Taufen statt. In der Tat bietet die Dorfaue das ideale Ambiente für romantische Hochzeiten. Alles ist grün und verträumt. Weder viel Straßenverkehr noch irgendwelche Geschäfte stören. Früher, noch in den 1950er Jahren, fuhr hier die Straßenbahn durch, und ein Bus umrundete den Dorfanger. Wir erleben zwei Hochzeiten mit Bräuten in langen weißen Kleidern. Während der Pfarrer die nächsten Gäste begrüßt, posiert sich das erste Brautpaar für den Fotografen. Einzeln betreten wir heimlich die Kirche und sehen uns darin um. Sie wurde Ende des 15. Jahrhunderts errichtet; der westlich vorgesetzte Kirchturm stammt aus dem Jahr 1713. Prägend im Inneren sind die dunkle Holzdecke, die weißen Wände und die hölzerne Empore. Sehenswert ist auch der bemalte Flügelaltar von 1520. Etwas Besonderes an der Außenform ist der halbrunde Ostabschluss, der nur noch in der Mark Brandenburg mehrmals vorkommt. Von dem ehemaligen Dorfkirchhof sind nur noch drei eiserne Grabkreuze erhalten, die von Gräbern hier früher lebender Bauern stammen.

Unser Rundgang beginnt an der Südseite der Dorfaue, wir halten an den verschiedenen, noch zum Teil erhaltenen Bauernhäusern, wie Nr. 44 oder 37, und versuchen uns vorzustellen, wie der Hof damals ausgesehen hat. Niedrige Bauernhäuser mit Satteldach und hohe, viergeschossige Mietshäuser wechseln sich ab. Doch bestimmte ländliche oder vorindustrielle Elemente sind noch erkennbar, wie die Vorgärten, die Zäune, die Dachformen oder auch die Eisenschienen in der Durchfahrt, die den Pferdewagen dienten. Beeindruckend ist das alte Amtshaus (Nr. 38) mit seiner schön renovierten, gediegenen Backsteinfassade.

Auf der Nordseite der Dorfaue wird der Einfluss der Industriebetriebe deutlich. Viele alte Fabrikgebäude, auch die Villa der Familie Schwartzkopf, mussten jedoch modernen, ab Mitte des 20. Jahrhundert errichteten Gewerbegebäuden weichen. Eine Überraschung ist die ausgezeichnete Wiederherstellung der ehemaligen Schwartzkopf’schen Backsteinfabriken, in denen heute Büros residieren. Auch gefiel uns der aktuelle Umbau des ehemaligen Schalthauses der Berliner Elektrizitätswerke Nr. 20 in ein Wohnhaus. Als wir den Luisenweg passierten, konnten wir einen Blick in die ehemals  genossenschaftliche Siedlung am Freiheitsweg werfen. Von 1919-1920 als Siedlung mit Nutzgärten für Menschen mit niedrigen Einkommen erbaut, sind heute durch Umbauten stark verändert worden. Das wie eine große Villa wirkende Gebäude Nr. 21-22 ist das Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Reinickendorf. Seit dem Mittelalter befindet sich dort ein Pfarrhof. Einige aus unserer Gruppe gingen hier zum Konfirmandenunterricht und wurden in der Dorfkirche konfirmiert.

Das viele Anhalten und Schauen macht durstig. Uns zieht es in Richtung Westen zur Nr. 3. In diesem ehemaligen Bauernhaus findet sich heute eine Gaststätte mit großem Vorplatz im Freien. Dort lassen wir uns nieder und genießen noch ein Stündchen den sommerlichen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen oder einem schönen Bier.

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