ErzählCafé mit Herrn Kraus

Erzählcafé am 10. Juli 2012

„Als Elektriker in der Schokoladenfabrik“

Herr Kraus berichtet aus seinem Leben

Herr Kraus stammt aus dem Fichtelgebirge. In den 1950er Jahren spielte dort die Porzellanindustrie eine wichtige Rolle. Sie sorgte in der gesamten Region für Arbeitsplätze. Viele seiner Mitschüler fanden dort eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz. Kraus aber ging 1957 nach der Volksschule zur Bundeswehr. In der Nähe seines Wohnortes gab es keine weiterführende Schule, so dass das Abitur den Kindern finanziell Bessergestellter vorbehalten war. Denn Arzt- oder Rechtsanwaltssöhne konnten mit dem Auto zum Bahnhof gefahren werden, um in der nächst größeren Stadt die Oberschule zu besuchen.

Als Kraus sich mustern ließ, hoffte er insgeheim, wegen seiner Größe abgelehnt zu werden. Doch der Militärarzt maß 1,64 Meter, nicht 1,62, wie Kraus meinte, und damit war er wehrtauglich.

Kraus blieb 8 Jahre bei der Bundeswehr, wo er bis zum Feldwebel aufstieg. Im Bayrischen Wald war er eingesetzt, um „Aufklärung“ zu betreiben. Seine Aufgabe bestand zum Beispiel darin, auf dem Fernsehturm, der die Spitze des „Hohen Bogen“ bildete, Signale abzuhören. Dann gefiel es ihm nicht mehr bei der Bundeswehr, und er nutzte die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Elektriker zu absolvieren. Im achten Jahr beim Militär begann er dort die Lehre, dann ging er zurück in seinen Heimatort zur Porzellanfabrik Hutschenreuther, um die Lehre abzuschließen. Die Bundeswehr förderte die Ausbildung finanziell. Die Entscheidung, Elektriker zu werden, hat viel damit zu tun, dass sein Vater Elektriker schon war und bei Hutschenreuther arbeitete.

In der Porzellanfabrik blieb er bis 1978. Inzwischen war er verheiratet und bekam zwei Söhne. Sein Meister wollte in Rente gehen, und Kraus war als Nachfolger vorgesehen. Er hätte allerdings noch seinen Meister machen müssen. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Region änderten sich. Aufgrund der Einfuhr billiger Porzellanwaren aus dem fernen Osten war man nicht mehr konkurrenzfähig. Die Nachfrage nach hochwertigem Porzellan sank. Viele Fabriken produzierten nur noch unter Kurzarbeit. Die Arbeiter hatten plötzlich keine Zukunft mehr. Unter diesen Umständen wollte Kraus nicht länger in dieser Region bleiben. Ihn zog es nach Berlin. Das Arbeitsamt bot ihm eine Stelle als Elektriker in der Schokoladenfabrik Stollwerck in Berlin-Marienfelde an.

Die Ankunft in Berlin am 31. Oktober 1978 am Abend begann mit einem kleinen Desaster: Der Taxifahrer hatte ihn betrogen. Für die Taxifahrt vom Bahnhof Zoo zum Hotel, das ihm das Arbeitsamt für die ersten 14 Tage besorgt hatte, kassierte der Fahrer 40 DM. Kraus zahlte und stellte erst am nächsten Tag fest, dass sein Hotel am Ernst-Reuter-Platz ja ganz dicht am Zoo lag und dass die Taxifahrt unmöglich 40 DM wert sein konnte. Kraus aber lebte sich bald ein, lernte zum Beispiel, dass er beim Umsteigen von der U-Bahn in den Bus nicht noch einmal bezahlen musste und bekam in der Nähe der Fabrik eine eigene kleine, voll eingerichtete Wohnung zugewiesen.

Die Arbeit des Elektrikers in der Schokoladenfabrik war kaum anders als bei der Porzellanherstellung. Die technischen Abläufe ähnelten sich. Kraus wurde Vorarbeiter und programmierte bald die technische Anlage. Er gehörte zu den wenigen, die sich wirklich auskannten und fühlte sich an seinem sicheren Arbeitsplatz sehr wohl. Seine Familie besuchte er regelmäßig. Als ehemaliger Bundeswehrsoldat musste er das Flugzeug nehmen, denn die Durchfahrt durch die damalige DDR war für ihn nicht gestattet. Die Reisekosten sponserte das Arbeitsamt. Nach einem Jahr wollte er seine Familie nachholen. Aber seine Frau konnte es sich partout nicht vorstellen, in Berlin zu leben, und Kraus wollte nicht wieder zurück ins Fichtelgebirge. Das Paar ließ sich scheiden. In der Fabrik lernte Kraus seine zweite Frau kennen. Sie stammte aus Sardinien und hatte es in der Firma bis zur Vorarbeiterin in der Verpackungsabteilung geschafft. Die beiden bauten sich in Berlin ein neues Leben auf. Einer von Kraus’ Söhnen kam später auch nach Berlin, um in der Schokoladenfabrik als Konditor zu arbeiten. Als Kraus’ Frau im Jahr 2006 plötzlich und unerwartet starb, wollte er die Fabrik nicht mehr betreten und kehrte ihr für immer den Rücken.

Grundzüge der Schokoladenherstellung: Bei Stollwerck werden die Kakaobohnen in 50-Kilo-Säcken aus Bremen angeliefert. Es sind verschiedene Sorten, die die spätere Schokoladenqualität beeinflussen. Außerdem spielen der Anteil des Kakaos, der Kakaobutter, des Milchpulvers und des Zuckers eine wesentliche Rolle. Je höher der Kakaoanteil, desto besser und teurer wird die Schokolade.

Die Kakaobohnen werden gereinigt, bei Temperaturen von 100 bis 160 °C geröstet und dann im Mahlwerk in kleine Stücke zerbrochen. Die Schalenteile werden entfernt. Anschließend wird der Kakaobruch gemahlen. Dabei tritt die Kakaobutter heraus, die die Bruchstücke zu einer zähflüssigen dunkelbraunen Kakaomasse verbindet. Zur Herstellung von Kakaopulver wird die flüssige Kakaomasse gepresst, wobei die Kakaobutter abfließt, der Rückstand, der „Kakaopresskuchen“, wird zu Kakaopulver zermahlen.

Zur Herstellung von Schokolade wird die Kakaomasse mit Zucker und Milchpulver vermischt. Diese Masse wird in Walzwerken fein vermahlen, um insbesondere die Zuckerkristalle stark zu reduzieren. In den so genannten Conchen wird die Schokoladenmasse erwärmt und geschlagen. Heute dauert das Conchieren 8 – 30 Stunden, je länger, desto höher ist die Qualität der Schokolade und ihr Preis.

Bevor Schokolade aus dem flüssigen Zustand verarbeitet und zum Erstarren gebracht wird, muss sie temperiert werden, d. h. sie wird gekühlt, bis der Fettanteil in der Schokolade erste Erstarrungskristalle bildet. Man differenziert zwischen sechs verschiedenen Erstarrungskristallen von Schokolade, wobei diese sich in der Optik, Geschmack und der Schmelztemperatur unterscheiden.

In einem weiteren Produktionsschritt wird die Masse in Formen abgefüllt oder als Überzugsmasse für Schokoriegel aufbereitet und danach abgekühlt. Diese Schokoladenmasse kann dann in entsprechende Formen, wie Tafeln, Kugeln, Hohlformen oder Eier gegossen werden. Kurz nach dem Temperieren können Nüsse oder andere Zutaten beigegeben werden.

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