Sven Bülow, Gagfah

Treffen der Kiezhistoriker am 23. April 2013 im Quartiersbüro

Eingeladen war Sven Bülow von der Gagfah, der über die Entstehungsbedingungen des Wohnungsbaus im Bereich der Aegirstraße und der Mickestraße berichtete. 1928 entstand hier ein Reformwohnungsbau mit zahlreichen gesunden und preiswerten Wohnungen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine bittere Wohnungsnot, und der private Wohnungsbau lag brach. In der Weimarer Republik sah man es als vorrangige staatliche Aufgabe an, Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung und Menschen mit kleinen Einkommen zu bauen. Jede Familie sollte eine eigene Wohnung mit der notwendigen Ausstattung bekommen, mit einer einfachen Küche, einem Bad, Ofen- und manchmal auch schon einer Zentralheizung. Licht, Luft und Sonne sollten in jede Wohnung eindringen können; ausschließlich nach Norden ausgerichtete Wohnungen waren nicht gestattet. In den Kellern, manchmal auch auf dem Dachboden befanden sich die Waschküche und eine Vorrichtung zum Trocknen der Wäsche, die allen Mietern zur Verfügung standen. Die Wohnanlagen sind  Zeilenbauten, die einen Block bilden, der in der Mitte einen wunderbaren großen, mit Bäumen und Rasen bepflanzten Innenhof umschließt.

Früher war auch die notwendige Infrastruktur vorhanden. Es gab zahlreiche kleine Geschäfte für die tägliche Versorgung. Leider hat sich hier ziemlich viel verändert, die Läden verschwanden, so dass das Wohnen an Attraktivität verlor. Reinickendorf-Ost war lange Zeit kein begehrter Wohnort. Das ändert sich jetzt. Da die Wohnungen in zentraleren Gebieten für viele Mieter nicht mehr bezahlbar sind, suchen sie jetzt auch in Reinickendorf-Ost nach einer geeigneten Bleibe. Die Gagfah bemüht sich, den Wohnungen einen zeitgemäßen Standard zu geben und modernisiert einzelne Häuser. Dabei hat sie ihr Klientel im Auge, orientiert sich am Berliner Mietspiegel und vermeidet bewusst Luxusmodernisierungen. Die Mieterstruktur ist jetzt stabiler, und in der Umgebung haben sich wieder neue Geschäfte angesiedelt. Mit dem Umbau des ehemaligen Straßenbahndepots in ein Einkaufszentrum und dem neuen Letteplatz, auf dem sich jetzt Alt und Jung tummeln, ist ein Anfang für eine neue Entwicklung gemacht worden. Das Familienzentrum wird ein weiterer interessanter Anlaufpunkt sein.

Sven Bülow ist stolz darauf, dass in den Häusern noch einige Einrichtungen aus der Entstehungszeit erhalten blieben. Und so führte er uns in einen Keller, wo noch die Waschküche und eine raffinierte Trockenvorrichtung zu sehen sind. Letztere wirkt wie ein Wandschrank, zieht man ein Element heraus, hat man ein waagerechtes Gestänge, auf das die Wäsche gehängt wurde. Dann schob man alles wieder in den Schrank, der von unten geheizt wurde und konnte in kürzester Zeit die Wäsche wieder abnehmen.
Vielleicht gab es hier auch mal Gelegenheit, mit der Nachbarin ein Schwätzchen zu halten…

Dann konnten wir noch einen der Luftschutzkeller besichtigen, die in den 1930er Jahren in die meisten Häuser eingebaut werden mussten. Wir sahen eine Stahltür, eine mit gemauerten Bögen verstärkte Kellerdecke und eine Tür, die zu dem Fluchtweg ins Nachbarhaus führte. Uns überkam ein Grausen bei der Vorstellung, wie die Menschen hier bei den Bombenangriffen ausgeharrt haben.

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