Bericht: 1. Stadtspaziergang am Samstag, 12. März 2011

Für den ersten Stadtspaziergang hatten wir uns den Abschnitt der Residenzstraße zwischen Stargardtstraße und Reginhardstraße vorgenommen, der durch das Gebiet des Quartiersmanagements führt. Um es vorwegzunehmen, wir haben nicht die Hälfte geschafft.

Wir trafen uns um 14 Uhr auf dem Franz-Neumann-Platz, eine Gruppe von 7–8 Leuten. Mäßiger Zulauf, doch umso interessierter waren die Anwesenden. Allein der Platz bot so viel Stoff, dass wir uns fast eine Stunde dort aufgehalten haben. Stadtspaziergänge kann man unter vielen Aspekten machen, und wir forderten die „Mitläufer“ auf, ihre persönlichen Maßstäbe anzulegen, um eine Vielfalt von Fragen stellen zu können. Am Franz-Neumann-Platz haben wir versucht, die Veränderung der Residenzstraße nachzuvollziehen: einst holprige Ausfallstraße mit vereinzelten Büdnerhäusern und Ausflugslokalen, dann der Beginn der Verstädterung mit dreigeschossigen Mietshäusern und kleinen Werkstätten etwa Mitte des 19. Jahrhunderts und schließlich großstädtische, repräsentative Mietshäuser mit vier Geschossen, die an der Stelle des Platzes ein städtisches Zentrum bildeten.

Wir diskutierten über die Verkehrssituation und die früheren Straßenbahnlinien, die in den 1980er Jahren gebaute U-Bahn und über die Entstehung des Platzes in den 1950er Jahren, der vor dem Zweiten Weltkrieg noch mit Wohnhäusern bebaut war, und dessen Umbau in den 1980er Jahren. Auch der Namensgeber des Platzes, Franz Neumann, war ein ausführliches Thema. Er  hatte 1946 die Vereinigung von KPD und SPD zur SED bekämpft und war der erste stellvertretende Bezirksbürgermeister nach dem Krieg.

Dann liefen wir den nördlichen Teil der Residenzstraße ab, erst auf der West-Seite, um die gegenüberliegenden Häuser betrachten zu können, später auf der Ostseite. Wir nahmen jedes Grundstück in Augenschein und versuchten, Spuren aus vergangenen Zeiten zu entdecken. Die historisch interessantesten Gebäude sind das „Kastanienwäldchen“, Residenzstraße 109, ein eingeschossiges Büdnerhaus mit Satteldach von etwa 1870, in dem sich eine bekannte Ausflugsgaststätte befunden hatte, und das ehemalige Steuergebäude von 1865, Residenzstraße 120-121. Da später der Eisfabrikbesitzer Hermann Mudrack das Steuerhaus erwarb, befassten wir uns noch mit der Eisfabrikation; die Eisteiche lagen an der Baseler Straße. Wir registrierten die Läden, viele haben nur Billig-Angebote, und suchten die bekannten, alteingesessenen heraus. Von ihnen gibt es nämlich noch einige, die wir gern bei der nächsten Gelegenheit besuchen würden.

Es war ein Glücksfall, dass sich Klaus Schlickeiser der Gruppe angeschlossen hat. Der Reinickendorfer Heimatforscher hatte schon vor etwa zehn Jahren die Residenzstraße akribisch untersucht und die Ergebnisse in einer sehr kleinen Auflage veröffentlicht. Er hat uns großzügig eines der seltenen Exemplare geliehen und konnte auf viele Fragen detailliert antworten. Man merkt, dass die Geschichte ihm noch immer Spaß macht, und seine Freude steckte an.

An der Letteallee passierten wir die schönen, gut gepflegten Fassaden der Heimstättengesellschaft „Primus“ mbH von 1926/27 und die leider sehr verbauten Häuser der „Großen Lettekolonie“, 1872 angelegt von Heinrich Quistorp. Hier entzündete sich die Frage, wie man denn mit den relativ kleinen Häusern (auf einem relativ großen Grundstück) der Lettekolonie hätte umgehen müssen, um die Siedlung noch heute erhalten zu können.

Kaffeedurstig stürmten wir das Quartiersbüro und saßen noch eine Weile gemütlich zusammen. Antonia und ich hatten uns ein Ratespiel ausgedacht, das helfen soll, den Blick auf die Stadt zu schärfen. Wir warfen Detailfotos von den besichtigten Gebäuden an die Wand, und die Anwesenden sollten sagen, wo sich der Gegenstand oder der Fassadenausschnitt befinden. Das Spiel war zu leicht, fasst alle haben immer richtig geraten. Wir verabredeten einen neuen Termin für einen 2. Stadtspaziergang, um den noch ausstehenden Teil der Residenzstraße „abzuarbeiten.“ Dafür wieder einen Samstag zu wählen, wurde für gut befunden. Wir einigten uns auf Samstag, den 21. Mai 2011, 14 Uhr.

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