Erzählcafé am Dienstag, 11. Oktober 2011, mit Horst und Margrit B.

Wir versammelten uns im Quartiersbüro. Herr Kraus hatte seinen Urlaub in Sardinien verbracht und brachte uns süße Köstlichkeiten mit. Dann fing Margrit B. an zu erzählen: Sie wurde im Januar 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, in Schlesien geboren. Nach Schlesien sind viele Berliner Mütter geschickt worden, um den Bombenangriffen auf Berlin zu entgehen. Allerdings waren die Russen schon beim Marsch auf Berlin, so dass Margrits Mutter fluchtartig nach Berlin zurückkehrte. Ein Vierteljahr später fiel der Vater bei den Kämpfen um Berlin, nach zwei Jahren starb die Mutter. Margrit und ihr vier Jahre älterer Bruder wurden von der Großmutter erzogen, die in Pankow wohnte. Es war damals, nach dem Krieg, fast normal, dass Kinder nur mit einem Elternteil aufwuchsen. Margrit aber war die einzige in ihrer Klasse, die weder Vater noch Mutter hatte. Trotzdem hatte sie eine glückliche Kindheit. Die Großmutter war eine couragierte Frau. Sie trachtete danach, dass die Kinder möglichst rasch die Schulzeit hinter sich bringen, weil sie fürchtete, nicht so lange zu leben. Aber sie wurde 92 Jahre alt.

Nach der zehnjährigen Schulzeit, entschied sich Margrit., in die Fußstapfen des Vaters zu treten und bei „der Vermessung“ zu lernen, d. h. Vermessungsfacharbeiter zu werden, wie der Beruf in der DDR genannt wurde. Auch der Bruder hatte sich dafür entschieden. Nach der Ausbildung und ersten Berufserfahrungen hängte Margrit noch ein Studium an und ging dafür nach Dresden, denn in der DDR konnte man nur in der dortigen Fachhochschule Vermessungskunde studieren. Sie schloss als Vermessungsingenieur ab. Margrit ging wieder zu dem Berliner Betrieb zurück, der sie zum Studium geschickt hatte. In der Zeit der Ausbildung und des Studiums fand sie Gleichgesinnte, mit denen sie sich zusammentat und die freie Zeit gemeinsam verbrachte. Dort kam sie ihrem späteren Mann näher, den sie bereits bei einer der gemeinsamen, privat organisierten Wanderungen kennengelernt hatte.

Margrit war weder bei den Jungen Pionieren noch hat sie die Jugendweihe miterlebt. Sie wurde konfirmiert. In ihre Klasse ging die Tochter von Walter Ulbricht (dem Staatsratsvorsitzenden der DDR), und die Lehrerin, eine „rote Socke“, wollte, dass die Klasse vollständig bei der FDJ mitmacht. Margrit hatte sich aber zurückgehalten; deshalb schrieb man ihr eine Bemerkung über ihre „fragwürdige Haltung zum Staat“ ins Zeugnis. Damit hätte sie sich die berufliche Karriere verderben können. Da Margrit und auch ihr Bruder sehr gute Schüler bzw. Lehrlinge waren, wurde später nichts mehr dazu gesagt. Während des Studiums war Margrit Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, um wenigstens in einer der gesellschaftlichen Organisationen zu sein, wie es verlangt wurde. Glücklicherweise wurden die meisten ihres Jahrgangs nicht so behelligt, wie später die Jüngeren, die für ihre Karriere das Parteiabzeichen tragen mussten.

Während des Studiums musste man eine vormilitärische Ausbildung absolvieren. In dieser Zeit wohnte Margrit in einem Internat. Einmal hatte sie Freunde aus Schweden zu Besuch. Um mit ihnen ihren letzten Ferientag zu verbringen, hatte sie sich von der Truppe entfernt. Außerdem hatte der Besuch mitbekommen, dass dort Kriegmaterial abgeladen wurde. Margrit wurde ein Disziplinarverfahren angedroht. Als sie das nächste Semester antreten wollte, begegnete sie dem Rektor, der nur eine Bemerkung zu ihrem Verhalten machte, sie aber nicht bestrafte. Sie konnte in Ruhe weiter studieren. Dann lernte sie ihren Mann kennen, den sie 1974 heiratete.

Horst B. wurde 1947 in Feldberg/Mecklenburg geboren. Seine Jugend verbrachte er in Neustrelitz. Von klein auf besuchte er jedes Wochenende den Hof seiner Großeltern in der Nähe von Feldberg. Er liebte diesen Hof und wollte so oft wie möglich dort sein. Weil er den Weg mit der Bahn und anschließend noch drei Kilometer Fußmarsch durch den Wald allein machen musste, hängten ihm seine Eltern ein Schild  mit seinem Namen und der Adresse um den Hals und schickten ihn los. Wenn es irgend möglich war, holte ihn sein Großvater mit dem Pferdewagen vom Bahnhof ab. Nach dem Schulabschluss, 10. Klasse, wusste er nicht so recht, was er lernen sollte. Eigentlich wollte er Landwirt werden. Doch Großvater und Onkel rieten ihm angesichts der in den 1960er Jahren durchgeführten Kollektivierung der Landwirtschaft ab: „Es wird dir nicht gelingen, den Hof zu bekommen.“ So wurde er Großhandelskaufmann. Neben seiner Arbeit im Ausbildungsbetrieb machte er noch ein Fernstudium und qualifizierte sich zum Ökonom. Dann wurde er Abteilungsleiter bei der Branche für Uhren und war verantwortlich für die Versorgung des Bezirkes Neubrandenburg. Später ging er nach Rostock und sattelte um zur Agrotechnik; er wandte sich also wieder der Landwirtschaft zu. Der Betrieb „Landtechnik“ versorgte den Bezirk Rostock mit Reparaturen, Ersatzteilen und Landmaschinen. Horst war im Bereich der Abrechnungen beschäftigt. Es ging ihm gut dort, er hatte 22 Mitarbeiter und kam im Bezirk herum. Dann lernt er seine Frau kennen.

Ihretwegen gab er Rostock auf, weil ihre Großmutter nicht mehr allein bleiben konnte. 1973 zogen sie nach Berlin. In Pankow wohnten sie zusammen mit der Großmutter in einer 1 1/2-Zimmerwohnung. Die Großmutter war schon über 80, aber noch rüstig, und hat für das junge Paar gekocht. Es gab feste Zeiten für´s Essen, die eingehalten werden mussten. Später fand sich in der Nähe eine kleine Wohnung, in der Großmutter bis zu ihrem Tod lebte. Bis 1979 blieb das Paar in der 1 1/2-Zimmerwohnung. 1976 wurde der erste Sohn geboren, und sie waren wieder zu dritt. 1979 gab es eine Tauschmöglichkeit nach Wilhelmsruh: eine AWG-Wohnung ganz oben mit 2 1/2 Zimmern (54 qm) und Ofenheizung, ein Zimmer hatte eine Außenwand-Gasheizung. Die Wohnung lag dicht am Grenzgebiet; abends konnte man den erleuchteten Funkturm sehen. Damals in der DDR war es sehr schwierig, eine Wohnung zu bekommen. Man musste sich lange anmelden und dann noch zahlreiche „Aufbaustunden“ absolvieren. Für eine größere Wohnung musste man mehrere Kinder nachweisen, die manchmal schon fast erwachsen waren, wenn man eine Wohnung bekam.

Frau B. hatte nach der Geburt des zweiten Sohnes die Möglichkeit zu Hause zu arbeiten. Sobald das Kind schlief, rollte sie die Karten auf dem Wohnzimmertisch auf und arbeitete an Lageplänen und Stadtkarten im Maßstab 1: 1000.

Herr und Frau B. sind nie Genossen gewesen. Sie gehörten zur Jungen Gemeinde, wurden deshalb aber nicht verfolgt. Sie hatten Westkontakte, schrieben sich mit Verwandten und Freunden, haben aber zu DDR-Zeiten keine West-Reise unternommen. Wir diskutierten noch weitere Themen, z.B. wie es den Landwirten nach der Zwangskollektivierung gegangen ist. Meistens blieb ihnen ihr Wohnhaus und der Garten, den sie noch außerhalb der Arbeit bei der LPG bewirtschafteten.

Nach Reinickendorf kamen die B´s über einen Kontakt mit der Steglitzer Wohnungsbaugenossenschaft. 2001 wurde ihnen eine 2 2/2 Zimmer in der Humboldtstraße angeboten, die sie gerne annahmen. Es war nicht weit zur alten Heimat Wilhelmsruh, wo die beiden noch immer aktiv in der Kirchengemeinde sind. Seit einem Jahr leben sie in ihrer neuen Wohnung in der Letteallee.

5. Erzählcafé am 13.09.2011

Frau R. (87 Jahre alt) erzählte uns ihre Liebesgeschichte aus Kriegszeiten, zum Glück mit Happy-End: Sie lernte einen jungen Soldaten kennen und die beiden verliebten sich ineinander. Aber er war im Krieg und sie konnten sich nur selten sehen. Dann hörte sie nichts mehr von ihm. Erst nach einem halben Jahr erreichte sie eine der damals üblichen vorgedruckten Postkarten, dass er noch lebe und in Kriegsgefangenschaft sei. Dann konnten sie sich wenigstens regelmäßig schreiben. Frau R. zeigte uns die alten Briefe, die sie aus der Gefangenschaft erhielt. Es waren linierte Bögen, die nur auf diesen Linien beschrieben werden durften. Da es immer nur eine Seite war, die den Gefangenen zur Verfügung gestellt wurden, versuchten sie mit möglichst kleiner Schrift so viele Mitteilungen wie möglich aufs Papier zu bringen.

Nach zwei Jahren wurde ihr Freund aus der Gefangenschaft entlassen. Doch um zusammen zu leben und eine Wohnung zu bekommen, mussten sie heiraten. Eigentlich kannten sie sich ja kaum. Aber es ist gut gegangen. Sie bekamen einen Sohn und lebten glücklich und zufrieden…..

Die nächsten Termine:

Erzählcafé: Dienstag, 27.09.2011, 18 Uhr, Haus am See, Stargardtsraße 9

Vortrag von Prof. Dr. Dr. Doerner: „Leben und Sterben – wo ich hingehöre“
Es wird gebeten sich beim Quartiersmamagement anzumelden: Tel: 49 987 089 -0

Stadtspaziergang am Samstag, dem 8. Oktober 2011, 14 Uhr. Treffpunkt vor dem Kinderzentrum Pankower Allee 51

Wir werden den Kiez um den Epensteinplatz näher erkunden. Alle Nachbarn sind herzlich eingeladen. Ausklang gegen 16 Uhr bei Kaffee und Keksen im Quartiersbüro Mickestraße 14/ Letteplatz

Weitere Termine Erzählcafe/ Kiezhistoriker:

Dienstag, 11. Oktober 2011, 16 Uhr (Das Thema wird noch bekanntgegeben. Den Ort bitte im Quartiersbüro erfragen, Tel: 49 987 089 -0)

Dienstag, 25. Oktober 2011, 16 Uhr, Treffpunkt Haupteingang Reginhard-Grundschule,
Besuch des Schulleiters Herrn Schaefer


Die KiezHistoriker bei Kryolan (4.Treffen)

Bericht vom Besuch der Kiezhistoriker beim Kosmetikhersteller Kryolan, Papierstraße 10, am 23. August 2011

Der Seniorchef Herr Langer empfing uns sehr freundlich, stellte uns im Büro seine Mitarbeiterinnen vor und führte uns ins Besprechungszimmer. Er berichtet: Kryolan ist ein Familienbetrieb. Er selbst ist 90 Jahre alt; seine Frau, sein Sohn (Wirtschaftsfachmann) und seine Enkelkinder sind im Betrieb integriert. Vor 65 Jahren wurde der Betrieb KRYOLAN gegründet, Hersteller von professionellem Make-up für Theater, Film und Fernsehen – weltweit. Mehr als 240 Mitarbeiter in Berlin und Zehlendorf sowie den internationalen Standorten in Polen, England, USA, Indien und Bangladesch engagieren sich für die Marke KRYOLAN Professional Make-up. Der Vorteil dieses Betriebs ist, dass er flexibel auf Anfragen reagieren kann. So können Make-ups nur für einen bestimmten Film oder eine Theateraufführung hergestellt werden. In den eigenen Labors arbeiten die Chemiker kontinuierlich an der Entwicklung neuer Produkte sowie an den Einsatzmöglichkeiten innovativer, hautpflegender Rohstoffe. Der Stammsitz in der Papierstraße verfügt über 5 000 Quadratmeter Fläche und wird laufend ausgebaut.

Herr Langer hatte während des Krieges sein Chemie-Studium abgeschlossen. Damals war er damit beschäftigt, Theaterschminke so zu verändern, dass sie auch für die aufkommenden Farbfilme eingesetzt werden kann. Nach dem Krieg machte er sich mit einem Partner selbstständig. Aus den beiden Namen, Krause und Langer, bildeten sie die Firmenbezeichnung KRYOLAN. Sie eröffneten eine kleine Fabrik in der Provinzstraße 49. Berlin war geteilt, und im Osten befanden sich die großen Opern und Theater, im Westen war die Kundschaft eher klein. Aufgrund der vielen Anfragen der Staatsoper beschloss man, auch in Ost-Berlin eine Firma (COLORA) zu gründen. Das funktionierte bis zum Mauerbau 1961. 1962 konnte Langer die Konkurrenz, die Hamburger Kosmetik-Marke Brändel aufkaufen. Als die alte Fabrik zu klein war, beschloss Langer, eine eigene Fabrik zu bauen. 1971 fand er in der Papierstraße das geeignete Grundstück. Außerdem gibt es seit 1998 in Zehlendorf bei Berlin-Oranienburg eine große Lagerhalle für 1 000 Europaletten. In Berlin sind 130, in Zehlendorf 15  Mitarbeiter beschäftigt. Die Firma bildet aus zum Bürokaufmann, Lagerverwalter und Chemiefacharbeiter.

Anfang der 1970er Jahre wurden erste Kontakte zu den USA geknüpft und 1976 die erste Auslandstochter in Van Nuys, Kalifornien, gegründet. Die „Dermacolor“-Präparate zur Abdeckung von Hautanomalien wurden entwickelt. Bis 1981 wuchs der Exportanteil auf 60 Prozent, Südafrika und Südamerika wurden „erobert“. Seit 1982 werden regelmäßig in Berlin und anderen europäischen Städten Maskenbildnerseminare veranstaltet. In den 1980er Jahren kamen als neue Märkte Australien, Neuseeland und Asien dazu. 1987 baute KRYOLAN in San Francisco einen eigenen Firmensitz. In den 1990er Jahren gesellten sich die Tochterfirmen in London und Polen hinzu. KRYOLAN-Theaterschminken werden seitdem auf 5 Kontinenten vertrieben. Die weitere Entwicklung von KRYOLAN ist durch die Ausweitung des Produktionsprogramms auf den Gebieten der Camouflage und Dekorativen Kosmetik gekennzeichnet.

Anschließend hatten wir das Vergnügen, den Junior-Chef Wolfram Langer kennenzulernen, der uns über die Arbeit mit den ausländischen Filialen berichtete. Frau Pfeifer vom Außendienst erläuterte uns den Arbeitsbereich des eigenen Geschäfts in Hamburg, wo viele individuelle Wünsche der Maskenbildner erfüllt werden müssen.

Fasziniert von dieser internationalen Firma, ihrer spannenden Produktpalette und dem Organisationstalent der Chefs verabschiedeten wir uns. Keiner von uns hatte vorher eine Ahnung, dass sich in dieser kleinen Straße und hinter dieser eher unscheinbaren Fassade ein solches Unternehmen verbirgt.

Erzählcafé mit Pfarrer Sellin-Reschke

Bericht vom Erzählcafé mit Pfarrer Sellin-Reschke am Dienstag, dem 9. August 2011

Der Tisch in der Evangeliumsgemeinde ist gedeckt, Kekse und Kaffee stehen bereit. Pfarrer Sellin-Reschke gießt ein. Dann berichtet er, dass er hier seit 2007 Pfarrer ist. Den 5 400 Gemeindegliedern stehen zurzeit 1,75 Pfarrstellen gegenüber. Vor 10 Jahren gab es noch 3 Pfarrstellen. Er selbst hat eine Dreiviertel-Stelle.

Die Evangeliumsgemeinde ist zurzeit mit dem Bau eines Gemeindezentrums (mit Kita) befasst. Künftig soll das Gemeindeleben nur noch an einem Standort, nämlich an der Kirche stattfinden. Das weiter entfernte Gemeindehaus, Baujahr 1905, Umbauten aus den 1960er Jahren, ist bereits verkauft worden. Viele helfen mit, den Neubau zu finanzieren: das Land Berlin (für die Kita), die evangelische Landeskirche, der Kirchenkreis, die Gemeinde selbst durch ein geerbtes Mietshaus, von dessen Mieterträgen ein Kredit finanziert wird, sowie viele Gemeindeglieder durch das, was sie beisteuern können. Da das Kirchengrundstück relativ klein ist, kann die Kita nur noch mit 55 Plätzen statt zurzeit mit 65 ausgestattet werden. Auch für die Gemeindearbeit wird weniger Platz zur Verfügung stehen, doch mit Mehrfachnutzungen lassen sich gute Lösungen finden. Das neue Haus wird dafür viel weniger Energie verbrauchen, und das wird allen zugute kommen.

Zu den wichtigen Aufgaben der sozialen Diakonie zählt das Projekt „Laib und Seele“, das Harz-IV-Empfänger mit noch guten, aber nicht mehr verkaufbaren Lebensmitteln versorgt. Hier engagieren sich ausschließlich ehrenamtliche Helfer, manchmal macht auch einer von den Kunden mit. Leider findet das Projekt in der Teichstraße statt und nicht in der Kirche, so dass vielen Kunden gar nicht bewusst ist, wer der Initiator ist. Ein weiteres Projekt ist der Nachhilfeunterricht, der im Nachbarschaftszentrum unter der Regie einer Sozialpädagogin angeboten wird, gestützt von vielen Ehrenamtlichen. Schließlich bleibt die klassische Gemeindearbeit mit Konfirmandenunterricht, Seniorenkreis, Betreuung der Kita und der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, die ebenfalls große sozial-diakonische Aufmerksamkeit erfordert. Es gibt ein starkes soziales Gefälle im Reinickendorf und eine große Bedürftigkeit im Kiez.

Die Anforderungen an die Kirche haben sich im Lauf der Zeit verändert. Abnehmende Mitgliederzahlen und sinkende Kirchensteuereinnahmen erfordern eine größere Offenheit. Trotzdem muss die Kirche ihr Profil wahren. Es gibt Menschen, die nicht in der Kirche sind, und dennoch beispielsweise kirchlich getraut werden möchten. Allgemein ist die Sehnsucht nach Spiritualität, dem Gegenteil des Weltlichen, groß. In einem Wohngebiet mit einer aus vielen verschiedenen Nationen zusammengesetzten Bevölkerung kann Kirche Mission bedeuten. Es geht darum, einfache, richtige Worte zu finden, um die Menschen zu begeistern. Kirche ist aber auch Rückzugsgebiet für „Menschen ohne Migrationshintergrund“. In der Kita der Gemeinde, zum Beispiel, wird Wert auf die kulturelle Mischung gelegt. Alle können davon profitieren, und wenn es nur der Grill ist, der im Rahmen eines gemeinsamen Festes von muslimischen Eltern während einer Andacht gehütet wird.

Sellin-Reschke wird bis 2017 Pfarrer der Evangeliumsgemeinde sein, dann wird er an eine andere Gemeinde versetzt. So sind die Vorschriften. Angesichts langfristiger Projekte wie das Bauvorhaben erscheint ihm diese Zeit recht knapp. Abschließend verlas er einen Segen. Wir, die Mitglieder des Erzählcafés, bedanken uns herzlich bei Pfarrer Sellin-Reschke und der Evangeliumsgemeinde für diese aufschlussreichen beiden Stunden.

Ankündigung: 4. KiezHistoriker

Die KiezHistoriker besuchen den alteingesessenen Kosmetik-Betrieb Kryolan

Am Dienstag, dem 23. August 2011, 16 Uhr,
treffen sich deshalb die KiezHistoriker in der Papierstraße 10.
Alle Nachbarn sind herzlich eingeladen.

Ankündigung: 4. ErzählCafé

Erzählcafé mit Pfarrer Sellin-Reschke

Achtung, anderer Treffpunkt!

Am Dienstag, dem 9. August 2011, 16 Uhr, findet das KiezErzählcafé in den Räumen der Evangeliumskirchengemeinde, Hausotterstraße 25, statt (und nicht im Kinderzentum Pankower Allee). Björn-Christian Sellin-Reschke wird über seine Erfahrungen als Pfarrer im Kiez und sein Leben berichten.

Alle Nachbarn sind herzlich eingeladen.

Wie Herr Grühn Briefmarkensammler wurde…

1957 war Herr Grühn Lehrling bei der AEG. Die Ausbildungsstelle lag in der Holländerstraße. Zwei Stockwerke dieses großen Hauses waren nur für die Lehrlingsausbildung reserviert. Im Hof lagen die Werkstätten, in der Mitte befanden sich die Schmiede und der alte Schlot. Heute ist alles abgerissen und neu bebaut, bis auf die Schmiede und den Schornstein, weil sie unter Denkmalschutz stehen. Grühn hatte sich an einer Maschine verletzt und sich fast die Fingerkuppe abgeschnitten. Die Betriebs-Krankenschwester leistete erste Hilfe, rief dann ein Fahrzeug und schickte damit den Patienten zum Unfallarzt in die Badstraße. Im Wartezimmer färbte sich der Verband trotz dicker Verpackung rot. Die Wunde hörte nicht auf zu bluten. Ein wartender Patient starrte unablässig auf die verbundene Hand. Plötzlich wurde sein Gesicht grün, er würgte und verließ eilig den Raum… Später hat der Arzt Grühns Fingerkuppe angenäht. In den darauf folgenden Wochen musste Grühn den Unfallarzt noch mehrmals aufsuchen. Er wohnte bei seinen Eltern in Wittenau. Zur Badstraße hätte er die Straßenbahn 68 nehmen und in die 41 umsteigen müssen. Da er geizig war und die 60 Pfennig sparen wollte, die Hin- und Rückfahrt gekostet hätten und die er von der AOK bekam, ging er zu Fuß. An der Residenzstraße lag ein Backsteingebäude aus den 1920er Jahren mit einem winzigen Briefmarkengeschäft. Herr Riess, Besitzer des Ladens, war ein kleiner schlanker Mann mit welligem Haar. Er hatte neben dem Laden einen großen Schaukasten angebracht, den er mit Briefmarken aus aller Welt bestückte. In dem winzigen Schaufenster lagen Pinzetten, Kataloge und Einsteckbücher. Als Grühn die Auslagen bewunderte, fiel ihm ein, dass er selbst einige Briefmarken aus Berlin und aus der Bundesrepublik Deutschland aufbewahrt hatte. Dann ist Grühn in den Laden eingetreten und fragte nach einem Katalog. Den gab es damals nur in schwarz-weiß.

Jetzt intervenierte Herr Schlickeiser. Es war ihm wichtig, genau zu erklären, wie unmittelbar nach dem Krieg das Postwesen in Berlin funktioniert hat. Als 1945 die Russen einmarschiert sind, haben sie die Reichspost für aufgelöst erklärt und eine Berliner Magistratspost eingerichtet. Die damals herausgegebenen Briefmarken nannten sich „Bärenserie“. Es gab sogar einen Stadtrat für das Post-und Fernemeldewesen. Dann teilten die Alliierten Berlin und Deutschland in vier Teile, und die Russen, die Amerikaner und Engländer sowie die Franzosen hatten ihre eigene Postverwaltung und teilweise eigene Briefmarken. Die Magistratspost bestand weiter. Nach der Währungsreform der westlichen Alliierten wurde eine neue Briefmarkenserie („Arbeiterserie“) herausgegeben, die in Berlin einen schwarzen Aufdruck (BERLIN) erhielten. Die Berliner verfügten sowohl über Ost- als auch Westgeld (bei den Löhnen max. 25 Prozent). Man konnte die Briefmarken in unterschiedlichen Postämtern für Ost- oder Westgeld erstehen. Das Ostgeld war aber weniger wert, und so konnten findige Berliner die Situation für sich ausnutzen. Es gab also bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949 ein ziemliches Durcheinander, was man heute noch an alten Briefmarken nachvollziehen kann. Bis zur Wende 1990 unterschieden sich noch die Briefmarken von West-Berlin und der Bundesrepublik durch die Aufdrucke „Deutsche Bundespost“ bzw. „Deutsche Bundespost Berlin“, weil Berlin (West) kein Bundesland der Bundesrepublik war.

Herr Grühn zeigte uns einige Exemplare und erzählte weiter, dass er von seinem Lehrlings-Monatslohn in Höhe von 50 DM im Postamt Goethestraße den ersten Grundstock an Briefmarken erstand. Der Postbeamte hinter dem Schalter hatte den Auftrag sehr ernst genommen und jede Briefmarke genauestens inspiziert und nur mit der Pinzette berührt. Das dauerte, und die Schlange hinter Grühn wuchs an. Aber der Postbeamte ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Im Lauf unserer Zusammenkunft erfuhren wir viele Details aus dem Sammleralltag, zum Beispiel, dass die modernen Briefmarkenalben mit farbigen Vordrucken ausgestattet und sehr teuer sind, was es mit den Stempeln auf sich hat, wie die Zahnung beschaffen ist und dass Selbstklebe-Marken Sammlern weniger Freude machen. Natürlich wollten wir noch etwas über die berühmten Marken wie die Blaue Mauritius und den Schwarzen Einser hören. Auch Kuriositäten wie die nur in wenigen Exemplaren erschienene Audrey-Hepburn-Marke wurden erwähnt. Herr Grühn war Spezialist für Marken aus Deutschland. Als nach den 1980er Jahren der Sammlerwert für diese Marken fiel, verkaufte er sie nach und nach für recht ansehnliche Summen. Schließlich resümierte er: Das Sammeln von Briefmarken bildet. Man lernt wichtige Persönlichkeiten, Orte und Bauwerke kennen und durch die besonderen Ereignisse auch die Weltgeschichte. Das bestätigte Herr Schlickeiser: In seiner Jugend konnten Briefmarken ein Ersatz für Erdkunde- und Geschichtsbücher sein, die es nach dem Krieg in den Schulen noch nicht gab.

Ankündigung: 12. Juli fällt aus!

Unsere nächsten gemeinsamen Termine im Kinderzentrum Pankower Allee 51 sind:

KiezErzählcáfe am 26.07., 16 Uhr, Voraussichtlich werden Herr Grühn und Frau Rusch aus ihrem Leben berichten.

KiezErzählcáfe am 09.08., 16 Uhr, Gespräch mit Pfarrer Sellin-Reschke

KiezHistoriker am 23.08., 16 Uhr, Treffpunkt: Papierstraße 10, Besuch des Kosmetik-Betriebs Kryolan

Besuch der Kita Letteallee 82–86

An diesem herrlichen Sommertag konnte sich die Kita Letteallee (Kindertagesstätten Nordwest, Eigenbetrieb von Berlin) besonders gut präsentieren. Das dunkle Backsteingebäude und der lichtdurchflutete Anbau bilden einen reizvollen Kontrast. Und Frau Wiegand, die stellvertretende Leiterin, war bester Laune, als sie die Kiezhistoriker und den Nachbarschaftstreff vom Quartiersmanagement empfing. Sie lud uns zu einer Zusammenkunft in den ehemaligen Andachtsraum im Altbau ein, wo sie uns über die Konzeption der Kita informierte. Später sollte der Rundgang durch die Räume folgen.

Frau Wiegand arbeitet seit 1998 in der Kita. Als sie anfing, wurde gerade der Neubau fertig gestellt, so dass seitdem bis zu 188 Kinder betreut werden können. Ursprünglich diente das im neugotischen Stil gehaltene Backsteingebäude als katholisches Pfarrhaus mit einer Marienkapelle, in der Gottesdienste abgehalten wurden. Auf dem noch freien Teil des Grundstücks sollte eine große Kirche gebaut werden, was aus baurechtlichen Gründen versagt wurde. (Die Kirche entstand von 1913–1919 in der Klemkestraße 7.) 1945 wurde in dem Gebäude ein katholischer Kindergarten eröffnet, der bis 1990 in Betrieb war. Zwei aus unserer Gruppe haben als Kinder den Kindergarten besucht und erinnern sich noch an die Schwestern Edelburga und Elia, die die Kinder betreuten und sogar unter dem Dach wohnten. 1990 übernahm das Bezirksamt Reinickendorf das Grundstück mit dem inzwischen denkmalgeschützten Gebäude und ließ den großen Anbau errichten.

Wir saßen also in der ehemaligen Kapelle, und dank der historischen Fotos, die Herr Grühn aus der Tasche zog, konnten wir im Geist den alten Raum rekonstruieren. Jetzt ist er in zwei Gruppenräume aufgeteilt. Der Bericht aus dem Kitaalltag war beeindruckend. Heute kann jedes Kind seinen Neigungen folgen und wird in seinen Begabungen unterstützt und muss nicht mehr, wie früher, einen für alle bestimmten Plan absolvieren. Die Kinder werden altersgemischt betreut. So können sie voneinander lernen, auch, dass sie sich gegenseitig respektieren müssen. Und es gibt Regeln, zum Beispiel, wie man sich bei Tisch benimmt und dass man sich hilft. Elternmitarbeit wird groß geschrieben. Die Mitarbeiterinnen der Kita qualifizieren sich laufend weiter und erarbeiten sich neue Schwerpunkte. Sie orientieren sich am Berliner Bildungsprogramm. Manche Kinder werden sprachlich gefördert, damit sie gut Deutsch sprechen können, wenn sie in die Schule kommen. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass  Kinder aus nicht-deutschen Familien auch ihre erste Muttersprache nicht vernachlässigen müssen. Es gibt sogar eine Kinder-Computer-AG. Eine wichtige Rolle spielt das Essen, das in der Kita von zwei engagierten Köchinnen zubereitet wird, die beispielsweise genau wissen, welches die Lieblingsspeisen ihrer Schützlinge sind.

Und es gibt Pläne für die Zukunft. In Zusammenarbeit mit dem Quartiermanagement wird die Kita zum Familienzentrum ausgebaut. Der alte Kapellenraum soll in seiner ursprünglichen Größe wieder hergestellt werden. Die dadurch wegfallenden Gruppenräume werden durch eine Aufstockung des Neubaus, die weitere Räume für 25 Kinder umfassen soll, neu geschaffen. Das Familienzentrum soll auch die Nachbarn des Kiezes ansprechen; deshalb ist im Eingangsbereich ein Elterncafé vorgesehen.

Beim anschließenden Rundgang durch die schönen Räume, in denen Holz und Glas dominieren, und den wunderbaren Spielgarten mit  noch alten Obstbäumen, waren wir alle überzeugt, dass die Kinder der Lette-Kita beste Grundlagen erhalten, um selbstbewusst ins schulische Leben treten zu können.

Wir danken Frau Wiegand für den interessanten, engagierten Vortrag und ihre Gastfreundschaft.